Die Bedeutung des Gotteshauses
von Metropolit Augoustinos von Deutschland
Ohne
ein Verständnis des Kirchbaus selbst kann man auch den Gottesdienst der
Kirchweihe nicht verstehen.
Der
christliche Gottesdienstraum ist kein gewöhnliches Gebäude, kein kunstvolles
Arrangement verschiedener kostbarer Materialien zum Zweck der ästhetischen
Erbauung der Gläubigen. Die
Architektur, die wir "Kirche" nennen, verwandelt die uns fassbare
materielle Welt in uns und außer uns sowie die uns unnahbare geistige Welt
jenseits unseres geschaffenen Seins in einen Kosmos, der sich unseren Sinnen
erschließt. Was also ist jener Raum unserer gottesdienstlichen Versammlung, den
das orthodoxe Bewusstsein so sehr mit der Kirche identifiziert, dass wir ihn auf
äquivoke Weise "Kirche" nennen? Denn im Kirchenraum, in seiner
Struktur, erblicken wir die Kirche selbst.
Der
Kirchbau ist mehr als lediglich ein geheiligter Ort, an dem sich das Volk zur
Eucharistie versammelt. Er ist die ganze Kirche. Darum sehen wir die Apostel
Petrus und Paulus auf ihrer Festikone eine Architektur tragen.
Diese
Architektur ist die Kirche, die sie gegründet und an verschiedenen Orten
organisiert haben. Die Kirche, deren Wesen wir nicht leicht bestimmen können,
gewinnt vor unseren Augen Gestalt und strukturierte Anschaulichkeit. Dank dieser
gelungenen Bildwerdung heiligt und transfiguriert die Göttliche Liturgie die
materielle Welt, innerhalb derer sie sich vollzieht. Der Raum des Mysteriums ist
mit dem des Letzten Abendmahls identisch. Als Jesus Christus das Mysterium der
hl. Eucharistie stiftete und uns überlieferte, da war die ganze Kirche
versammelt: Christus und die zwölf Apostel. Die Kirche, d. h. der Ort, die
Personen und der Vollzug des Mysteriums. Der hl. Maximus d. Bekenner vergleicht
die Beziehung der Kirche zum Kirchbau mit derjenigen der menschlichen Seele zu
ihrem Leib. Die Seele können wir nicht sehen, doch den Leib sehen wir und
sagen: Das ist der Mensch. Ebenso sehen wir auch den Raum der Kirche und sagen:
Das ist die Kirche.
Die
Kirche, also eine göttliche und geistliche Wirklichkeit, tritt in Gemeinschaft
mit der materiellen Welt und stellt sich dar im heiligen Tempel und in seinen
Riten.
Des
weiteren ist der orthodoxe Kirchenraum nach Struktur und Ausstattung das Abbild
von Himmel und Erde. Der Altarraum ist das Bild des Himmels. Der Altar repräsentiert
den überhimmlischen Altar des großen Hohenpriesters Jesus Christus. Die
Ikonostase versinnbildlicht mit den Ikonen Christi, der Gottesgebärerin und der
Heiligen sowie mit ihren drei Eingängen die immerwährende Gemeinschaft von
Erde und Himmel. Von der mittleren, der "schönen" Pforte aus
erscheint und segnet der der Liturgie vorstehende Priester und wird so selbst zu
einer Gestalt zwischen Himmel und Erde in der Reihe der auf der Ikonostase
dargestellten Heiligen.
Die
allheilige Gottesgebärerin, die im Gewölbe der Apsis des Altarraums als "Platytera",
also als die, deren Leib dank der Empfängnis des unumfaßbaren Sohnes Gottes
"umfassender als die Himmel" geworden ist, dargestellt wird,
vermittelt stets zwischen uns und ihrem Sohn, indem sie Himmel und Erde, Schöpfer
und Geschöpfe miteinander verbindet.
Schließlich
hoch in der Kuppel die Gestalt Christi, des Allherrschers, der Sonne der
Gerechtigkeit, die auf die Erde hernieder schaut und sie erleuchtet, indem sie
der ganzen Schöpfung das geistliche Licht der liturgischen Versammlung spendet.
Der
orthodoxe Kirchbau ist eine wahrhafte Theophanie. In der Architektur ist die
Kirche. In der Kirche ist die Göttliche Liturgie. In der Göttlichen Liturgie
ist Gott.
Die
große Bedeutung des Kultraumes für den Menschen zeigt sich bei allen Völkern,
christlichen und nichtchristlichen. "Niemand hat jemals eine Stadt gesehen,
die eines Heiligtums entbehrte und gottlos wäre - noch wird er je zukünftig
eine solche sehen", schreibt der altgriechische Schriftsteller Plutarch.
Das alte Kappadokien war mit Kirchen übersät, von denen viele bis auf unsere
Zeit überdauert haben. So schreibt Gregorios von Nyssa in einem berühmten
Brief: "Wenn jemand von dem, was er sieht, auf die Anwesenheit Gottes
schließen könnte, dann müsste er glauben, Gott wohne in Kappadokien".
Was es bedeutet, eine Kirche zu bauen, ersehen wir aus einem Brief Basileios des
Großen an einen Bischof seiner Kirchenprovinz: " Deine jedem Christen
ziemende Sorge, eine Kirche zu bauen, auf dass der Name Christi verherrlicht
werde, hat uns überaus erfreut. Ihr habt in der Tat gemäß dem Wort der
Schrift die Zierde des Hauses des Herrn liebgewonnen und euch so eine Wohnung im
Himmel bereitet, die diejenigen erwartet, die Christi Namen lieben."
Die
Kirche zollt denen großen Respekt, die Kirchbauten errichten und für sie Sorge
tragen. Darum betet sie in der Göttlichen Liturgie "für die seligen und
denkwürdigen Stifter des Gotteshauses". Zu Beginn der Liturgie betet sie
durch den Mund des Diakons "für dieses heilige Haus ..." und am Ende
der Liturgie durch den Mund des Priesters: "Heilige alle, die die Zierde
Deines Hauses lieben."
Diese
Kirche der Drei hll. Hierarchen ist nicht nur ein Schmuck für Hannover. Sie ist
auch nicht nur ein Werk der Liebe des hochwürdigsten Bischofs Chrysostomos von
Pamphilos und der Priester dieser Gemeinde, der ehrwürdigen Väter Gerasimos
und Alexandros, sowie auch aller anderen Glieder dieser Gemeinde.
Diese
Kirche ist vor allem ein neuer Ort der geistlichen Gemeinschaft von Himmel und
Erde, ein neuer heiliger Ort, ein Ort des Kultes und der Verehrung des
Dreieinigen Gottes.
Im Gottesdienst der Kirchweihe wird dieser Ort geheiligt und auf die der heiligen Überlieferung gemäße Weise dem liturgischen Gebrauch übergeben. Fortan werden sich an diesem Ort in jeder Göttlichen Liturgie Himmel und Erde festlich begegnen und die Menschen der Teilhabe Gottes gewürdigt.
[ zum Seitenanfang ] [ Zurück zur Übersicht ]
© 2001 KOKiD