Der
Papst in Athen
Pilgerfahrt auf dornigem Weg
Von Anastasios Kallis
Als
die Orthodoxe Kirche in Griechenland 1951 unter ökumenischer Beteiligung ein
großes Jubiläum, die 1900jährige Wiederkehr der Ankunft des Apostels Paulus
in Griechenland bzw. Europa, feierte, hielt es Rom in Anbetracht der ablehnenden
Haltung der orthodoxen Kirche des Landes gegenüber der Akkreditierung eines
Nuntius in Athen für unangebracht, sich an den Feierlichkeiten zu beteiligen.
Wie
haben sich die Zeiten geändert ! Geladene Gäste blieben damals unversöhnlich
und fern, nun kam am 4./5. Mai 2001, ein halbes Jahrhundert später, das
Oberhaupt der Katholischen Kirche selbst, Papst Johannes Paul II., versöhnlich
gestimmt nach Athen, doch als ungebetener Gast der Ortskirche. Die Diskussion in
Griechenland im Vorfeld des Papstbesuches hat gezeigt, dass der Boden für einen
solchen Besuch und den Dialog zwischen Rom und Athen noch nicht geebnet worden
ist, vielmehr während des Pontifikats von Johannes Paul II. sich verschlechtert
hat.
Die
gastunfreundlichen Reaktionen in Griechenland entsprechen weder der griechischen
Vorstellung vom Zeus, dem "Vater der Götter und Menschen", dem
Schutzherrn des Gastes, demzufolge der Begriff Xenos (Fremder) auch heute
zugleich Gast bedeutet, noch der orthodoxen Identität, die sich durch die
barmherzige Liebe auszeichnet, zumal in der Osterzeit, in der dieser Zug
orthodoxer Haltung dominiert: "Auferstehungstag! Lasst uns glänzen beim
Volksfest und einander umarmen. Lasst uns Brüder nennen auch die, die uns
hassen; verzeihen wir alles ob der Auferstehung ..." (Morgengottesdienst zu
Ostern). Doch ebenso wenig entspricht es der Gesinnung eines frommen Pilgers,
dass der Papst ein politisches Mandat benutzt, um den Widerwillen der Diener der
Pilgerstätte zu umgehen, anstatt sich geduldig um eine Klimaveränderung zu bemühen.
Der spontane, jubelnde Beifall, mit dem der Erzbischof von Athen und ganz
Griechenland, Christodoulos, die Reueerklärung des Papstes begrüßte, zeigt,
dass Versöhnung möglich ist, obschon dahin gestellt sein mag, ob der
Erzbischof den Papst richtig verstanden hat, der von "Anlässen"
sprach, "bei denen Söhne und Töchter der Katholischen Kirche durch Taten
oder Unterlassungen gegen ihre orthodoxen Brüder und Schwestern gesündigt
haben".
Sicher
gehört auch der Papst zu den Söhnen der Katholischen Kirche, insofern könnte
man meinen, er bezieht hier auch die Bischöfe auf dem Stuhl Petri ein, doch
seine Ausführungen über die "verhängnisvolle Einnahme der kaiserlichen
Stadt Konstantinopel" im Jahr 1204 durch die Kreuzfahrer des vierten
Kreuzzuges stützen eher die naheliegende Interpretation, dass der Papst davon
unberührt bleibt. Beim Anblick der Szene in den
Abendnachrichten habe ich mich gefragt, ob der Erzbischof vielleicht
voreilig applaudiert hat. Ich hätte seine Begeisterung verstanden, wenn der
Papst ein Wort darüber verloren hätte, dass der Initiator dieses unseligen
Kreuzzuges, Papst Innozenz III., zwar entsetzt über die Grausamkeiten der
Kreuzfahrer war, die drei Tage lang Paläste, Kirchen, Klöster und Häuser plünderten,
unterschiedslos mordeten, Familienmütter und Nonnen vergewaltigten, doch den
Kreuzfahrern seinen Glückwunsch übermittelte und die Ablösung des
byzantinischen Reiches und des Ökumenischen Patriarchats durch die Lateiner als
ein Werk der göttlichen Vorsehung interpretierte, die auf diese Weise die
Kircheneinheit in seinem Sinne hergestellt hätte. Es geht darum, dass der Papst
einen lateinischen Patriarchen in Konstantinopel einsetzte, der dort über ein
halbes Jahrhundert an Stelle des orthodoxen Patriarchen amtierte, der mit dem
byzantinischen Kaiser auf kleinasiatischen Boden, nach Nikaia, flüchten musste.
Das ist hier der wunde Punkt, der das Verhältnis beider Kirchen belastet: Die
orthodoxiefeindliche Politik der Päpste, die mit ihrem Verständnis von der
Stellung des Papstes in der Gemeinschaft der Kirchen zusammenhängt, in der er
"als höchster Hüter der Kirche ... seine Vollmacht jederzeit nach Gutdünken
ausüben [kann]" (Bekanntmachungen zur Dogmatischen Konstitution über die
Kirche, Nr. 4).
Mir
scheint, dass die beiden Kirchenoberhäupter in ihrem Auftreten die verfahrene
Lage des Dialogs zwischen der Orthodoxen und der Katholischen Kirche
widerspiegelten. Zwar hat der Papst einen Ansatz gemacht, den Prozess der
Vergangenheitsbewältigung in Gang zu setzen, doch seine Aussagen über die
Gemeinsamkeiten zwischen beiden Kirchen blieben hinter den Schriften von Paul
VI. weit zurück, während er zu den anstehenden Problemen, die das Verhältnis
Orthodoxie-Katholizismus belasten, schwieg, um allgemein zu versichern,
"dass die Katholische Kirche unwiderruflich dem Weg der Einheit mit allen
Kirchen verpflichtet ist". Dagegen war der Erzbischof Christodoulos, der
als Anwalt der Protestierer gegen den Besuch des Papstes auftrat, direkt und
konkret, indem er die Gründe für den antirömischen Effekt in der orthodoxen
Kirche in Griechenland nannte: die vergeblich erwartete Verurteilung der
Ungerechtigkeiten gegen die Orthodoxen seitens der Katholischen Kirche, die in
deren Augen immer noch keine Sensibilität für Anliegen orthodoxer Kirchen
zeigt. Dazu gehört schließlich die Last des Uniatismus, die den Dialog
zwischen der Orthodoxen und der Katholischen Kirche zum Erliegen gebracht hat.
Papst
Paul VI. und der Ökumenische Patriarch Athenagoras haben als Vorbereitung des
theologischen Dialogs zwischen beiden Kirchen den Dialog der Liebe aufgenommen
und behutsam geführt, so dass Papst Johannes Paul II. und der Ökumenische
Patriarch Dimitrios im November 1979 im Phanar, am Sitz des Ökumenischen
Patriarchats, den Beginn des offiziellen theologischen Dialogs, des Dialogs der
Wahrheit, feierlich verkünden konnten. Doch die Ansprache des Erzbischofs ist
ein Beleg dafür, dass der Dialog der Liebe nicht überall Früchte getragen hat
bzw. durch Vorkommnisse in der jüngsten Zeit, vor allem nach der politischen
Wende in Osteuropa, überschattet wird.
In
diesem Kontext der neuen Erfahrungen des Miteinanders werden schließlich
wichtige Schritte der Vergangenheitsbewältigung unterschiedlich interpretiert.
Dies zeigt sich deutlich am Beispiel der Rückbesinnung beider Kirchenvorsteher
auf den Versöhnungsakt von 1965, durch den die Kirchen Roms und Konstantinopels
die Bannflüche von 1054, "deren Erinnerung bis heute bei der Annäherung
in der Liebe als Hindernis wirkt, missbilligen, aus dem Gedächtnis und aus der
Mitte der Kirche entfernen und der Vergessenheit überliefern" (Gemeinsame
Erklärung von Paul VI. und Athenagoras, Tomos Agapis, Nr. 127). Im Geist dieses
Vorgehens beider Kirchen versteht der Papst den gemeinsamen Text von 1965, den
er zu Recht eine "historische Geste" nennt, als einen Aufruf,
"noch leidenschaftlicher an der Einheit ... zu arbeiten". Dagegen
meint der Erzbischof: "Die Anathemata sind dank der Gnade Gottes aufgehoben
worden - die Ursachen, die sie zustande gebracht haben, aber nicht." Wer
die Schritte, die zum Versöhnungsakt geführt haben, studiert, wie auch die
entsprechenden Quellentexte, hat Schwierigkeiten, den Erzbischof zu verstehen;
es sei denn, er geht eins mit jenen orthodoxen Theologen, die meinen, in Rom hätte
sich nichts geändert! Man sollte vielleicht seine Worte nicht auf die Goldwaage
legen, denn er spricht, wie viele Theologen in beiden Kirchen, auch von
Bannaufhebung, obwohl davon nicht die Rede sein kann. Jedenfalls steht eins
fest: Der Dialog der Wahrheit, der m.E. ohne Liebe nicht möglich ist, hat die
Liebe nicht gestärkt bzw. sie vor den negativen atmosphärischen Entwicklungen
nicht beschützt.
Andererseits
sorgt auch der Papst ständig mit seiner Vorgehensweise und seinen Erklärungen
für Verwirrung und Irritationen, wenn er zum einen als Verfechter des ökumenischen
Dialogs, zumal mit der Orthodoxen Kirche, auftritt und selbst das Verständnis
über die Stellung seines Amtes zur Diskussion stellt, während er zugleich eine
Papstvollmacht praktiziert und ekklesiologisch vertritt, die selbst in der
eigenen Kirche nicht auf ungeteilte Zustimmung stößt. Rom geht in jüngsten
Erklärungen so weit, die Integrität der Orthodoxen Kirche in Frage zu stellen,
die Paul VI. ekklesiologisch konsequent Schwesterkirche nennt, da er meinte,
"dass zwischen unserer Kirche [der Katholischen] und den ehrwürdigen
orthodoxen Kirchen bereits eine fast totale, wenn auch noch nicht vollkommene
Gemeinschaft besteht aufgrund unserer gemeinsamen Teilhabe am Mysterium Christi
und seiner Kirche" (Brief des Papstes Paul VI. an Patriarch Athenagoras vom
8. Februar
1971, Tomos Agapis, Nr. 283). Es
ist äußerst kontraproduktiv, wenn Johannes Paul II. Unionen, die das Verhältnis
beider Kirchen bis heute stark belasten, als große Jubiläen feiert und sie
positiv bewertet, obwohl die Gemeinsame Internationale Kommission für den
theologischen Dialog zwischen der Katholischen Kirche und der Orthodoxen Kirche
in ihrer 7. Vollversammlung in der Theologischen Hochschule von Balamand
(Libanon) im Juni 1993 den Uniatismus als eine überholte Unionsmethode erklärt
hat, denn "dieser Zustand ist zur Quelle von Auseinandersetzungen und
Leiden geworden" (Balamand-Dokument, Nr. 8). Unabhängig von der
Beurteilung der Umstände und der Absichten dieser Teilunionen mit Rom stellt
man fest, "dass die Einheit zwischen der Kirche des Ostens und der Kirche
des Westens auf diese Weise nicht erreicht wurde, dass die Spaltung vielmehr
fortbesteht, ja durch diese Unternehmungen vergiftet wurde" (ebd., Nr. 9).
Der Papst hat es selbst in Athen nicht fertiggebracht, diese Unionen kritisch zu
betrachten, im Gegenteil, seinen Worten muss man entnehmen, dass sie in ihrer
Zeit legitime Wege gewesen seien, dem Einheitsgebot Christi zu entsprechen, denn
er nennt sie "Vereinigungsmodelle der Vergangenheit", die "nicht
mehr dem Impuls zur Einheit entsprechen". Man darf gespannt sein auf die
bevorstehende Reise des Papstes in die Ukraine. Dort steht die Zukunft des
Dialogs zwischen der Katholischen und der Orthodoxen Kirche auf dem Spiel.
Beide
Kirchenvorsteher, Erzbischof und Papst, hatten einen schweren Stand. Der
Erzbischof, der einen umstrittenen Gast empfing, agierte taktisch geschickt,
indem er in seiner Ansprache*
auf die unbewältigte Vergangenheit hinwies und als einzigen Kirchenvater den
Metropoliten von Ephesos, den heiligen Markos Eugenikos (+ 1445) zitierte, der
wegen seiner standhaften Haltung Rom gegenüber auf dem Unionskonzil von
Ferrara/Florenz (1438/39) als unbeirrter, mutiger Zeuge orthodoxer Identität
gilt, der doch für den Dialog mit der Kirche des Westens auftrat, allerdings
auf der Basis gleichberechtigter Partner, deren gemeinsames Haupt kein anderer
als Christus selbst ist.
Ebenso
geschickt reagierte im Ansatz auch der Papst, indem er auf die psychologische
Last der Geschichte einging und mit seiner Vergebungsbitte dem "Bedürfnis
nach einem befreienden Prozess der Bereinigung der Erinnerung", wie er es
nannte, entsprach.
Gesten
des guten Willens können oft mehr bewirken als theologische Konsenstexte und
tiefsinnige Erklärungen, doch dies setzt zwei grundlegende Bedingungen voraus:
die durch Taten und Fakten bezeugte Glaubwürdigkeit der Handelnden und den
Kairos, die rechte Zeit. Der Kontext der Begegnung drängt doch zu der Annahme,
dass dies in beiden Fällen nicht zutrifft. Daher kann ich auch nicht die Einschätzung
teilen, die Pilgerfahrt des Papstes nach Griechenland sei ein historisches
Ereignis, das eine Wende in den Beziehungen zwischen beiden Kirchen einleiten würde.
Eher kann ich mich der Meinung des Erzbischofs von Athen anschließen, der von
"notwendigen Bedingungen" sprach, "die es erlaubt hätten, dass
Ihr Besuch [des Papstes] fruchtbringend gewesen wäre und Ergebnisse gezeigt hätte".
Insofern erscheint mir sein abschließender Wunsch, "dass Ihr Besuch den
Anbeginn einer positiven Entwicklung in der großen Sache der Einheit aller
bedeute", zwar logisch unbegründet, doch als Ausdruck eines Versöhnungswillens
als ein Zeichen der Hoffnung.
* Vgl. den vollen Wortlaut der Ansprachen von Erzbischof Christodoulos und Papst Johannes Paul
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