Kirchliches
Leben: Martyria: Orthodoxe Kirche und ökumenische Bewegung
Was erwartet ein Orthodoxer
vom Ökumenischen Kirchentag?
von Nikolaus Thon
Dass sich auch orthodoxe Christen an Evangelischen Kirchentagen und - wenn auch
in geringerer Intensität - an Katholikentagen beteiligt haben und beteiligen,
ist nichts Neues, sondern eine bereits seit Jahrzehnten geübte Praxis.
Insofern war auch eine orthodoxe Beteiligung am Ökumenischen Kirchentag
in Berlin (ÖKT) eigentlich keine Frage.
Dabei beschränkte sich allerdings bislang diese Beteiligung vorrangig auf
offizielle Vertreter der Orthodoxie, die an verschiedenen ökumenischen
Gottesdiensten in der einen oder anderen Weise mitwirkten, auf Redner und Diskussionspartner
bei Foren und Arbeitsgruppen u.ä.m.; allerdings gab auch immer wieder orthodoxe
Informationsstände und in der Regel orthodoxe Gottesdienste in einer der
orthodoxen Gemeinden am Ort. Stand früher diese orthodoxe Beteiligung in
der Regie einzelner Bistümer und Kirchen, hat seit einigen Jahren die Kommission
der Orthodoxen Kirche in Deutschland als der Gesamtverband aller orthodoxen
Diözesen der Bundesrepublik die Verantwortung übernommen, so bereits
auf dem Evangelischen Kirchentag in Stuttgart 1999 und dann wieder (diesmal
auch mit einem Infostand) in Frankfurt 2001.
Von daher könnte man meinen, in Berlin 2003 sei doch eigentlich "business
as usual". Doch mitnichten: Erstmals handelt es sich um einen Kirchentag,
bei dem die Orthodoxen nicht als Gäste, sondern als Mitveranstalter eingeladen
sind, was durch die Anwesenheit einer Vertreterin der (gesamten!) Orthodoxen
Kirche in Deutschland im Präsidium des ÖKT (wenn auch nur mit beratender
Stimme) und anderer orthodoxer Vertreter in verschiedenen Vorbereitungsgremien
deutlich wird. In der deutschen Hauptstadt werden auch erstmals nicht nur einzelne
orthodoxe Gemeinden ihre Kirchen für die orthodoxen Gottesdienste im Programm
des Kirchentages zur Verfügung stellen, sondern alle Berliner orthodoxen
Gemeinden haben ein eigenes Vorbereitungskomitee gebildet und wollen sich in
das Geschehen beim ÖKT im kommenden Jahr intensiv einbringen. Eine erfreuliche
Entwicklung setzt sich somit beim ÖKT fort: Mehr und mehr arbeiten Orthodoxe
aller Bistümer zusammen und wird auch die Orthodoxe Kirche als eine wahrgenommen
und - wenn auch manchmal noch zögerlich - in ihrer inneren Einheit akzeptiert.
Die Stärkung dieser genuinen Entwicklung durch die Zusammenarbeit beim
ÖKT ist sicher für alle Orthodoxen von großer Wichtigkeit und
eine wichtige Frucht dieses kirchlichen Großereignisses.
Insofern also scheint die ökumenische Maschine problemlos zu funktionieren;
und doch hat man als Orthodoxer gelegentlich ein Unbehagen gerade ob dieses
scheinbar so problemlosen Funktionierens, das - so möchte man meinen -
so eingespielt ist, dass einige Problematiken gar nicht mehr wahrgenommen werden.
Einige von ihnen seien als Desiderate deshalb hier im Vorfeld genannt - in der
Hoffnung, dass der ÖKT etwas an klimatischer Veränderung bewirken
kann und in und nach "Berlin" sich etwas ändert.
Dabei handelt es sich bei den folgenden Anmerkungen eigentlich nicht einmal
um verschiedene Wünsche, sondern letztlich um ein durchgängiges Anliegen,
das sich in unterschiedlichen Bereichen und Ebenen ausdrücken muss. Was
nämlich in meiner Sicht vom ÖKT zu erwarten ist, wäre ein neues
ERNST NEHMEN verschiedener Gegebenheiten, die in der ökumenischen und zwischenkirchlichen
Routine in diesem Lande eine Neuinterpretation erfahren haben, die sich doch
von den ursprünglichen Intentionen, zumindest aber den theologischen Prämissen
recht weit entfernt hat, und ein ERNST MACHEN mit den darauf erwachsenden Konsequenzen.
Denn die "normative Kraft des Faktischen" ist ja wohl - darin dürften
wir uns über alle Konfessionsgrenzen hoffentlich einig sein! - keine theologische
Dimension ...
Diese Forderung zum ERNST NEHMEN und ERNST MACHEN bezieht sich dabei sowohl
auf unsere ökumenischen Schwestern und Brüder in den westlichen Kirchen
wie auch auf uns Orthodoxe selbst, besonders diejenigen unter uns, die in ökumenischen
Gremien im Auftrag ihrer Kirche verantwortlich mitwirken.
- So erhoffe ich mir
endlich ein ERNST NEHMEN der Realität "Arbeitsgemeinschaft Christlicher
Kirchen in Deutschland (ACK)" durch uns selbst, aber auch durch die beiden
großen Mehrheitskirchen dieses Landes in dem Sinne, dass sie sich nicht
bei zahlreichen wichtigen Entscheidungen gleichsam aus der ACK "ausklinken"
und diese zum "Klub der Minderheiten" degradieren. Mehr als einmal,
wenn eine "gemeinsame" Erklärung der Kirchen in Deutschland
erfolgt, sieht man darunter die Unterschriften des Ratversitzenden der EKD
und des Vorsitzenden der (römisch-katholischen) Deutschen Bischofskonferenz
sowie des Vorsitzenden der ACK, reibt sich verwundert die Augen und fragt
sich, wieso man denn gar nicht mitbekommen hat, dass EKD und Römisch-Katholische
Kirche (RKK) wohl aus der ACK ausgetreten sind, da ihre Spitzenvertreter nun
neben dieser unterzeichnen ... Natürlich sind sie nicht ausgetreten,
aber sie haben offensichtlich ein solches Selbstverständnis, das nicht
zulässt, dass sie sich in dieses Gremium ACK nahtlos einreihen, in dem
doch angeblich alle christlichen Kirchen gleichberechtigt zusammenwirken sollen
(und in dem der numerischen Überlegenheit der Katholiken und Protestanten
in Deutschland durch die größere Anzahl von Delegierten der EKD
und RKK ja auch Rechnung getragen wird). Was sich bei solchen Erklärungen
dokumentiert, gilt leider in vielen anderen Bereichen auch: Warum wird der
ÖKT von einem aus Katholiken und Evangelischen gebildeten Präsidium
gestaltet, zu dem lediglich fünf Vertreterinnen der "kleinen"
Kirchen der ACK beratend und demzufolge ohne Stimmrecht hinzukommen dürfen.
Musste man sich vor fünf Stimmen fürchten? Oder wird hier - vielleicht
(und das wäre eher noch schlimmer!) sogar ganz unbewusst - doch wieder
einmal klar gestellt, wer in der deutschen Ökumene das Sagen hat? Sicher
liegt die finanzielle Potenz bei den "Großen", aber auch Geld
ist keine theologische Dimension ...
So wünsche ich mir vom ÖKT, ein ERNST MACHEN mit der Idee und Struktur
der ACK, d.h. dass in Zukunft wirklich alle dort zusammenarbeitenden Kirchen
wahrhaft gleichberechtigt wirken und auftreten und der gelegentliche "Sonderweg"
der beiden bundesrepublikanischen kirchlichen "Supermächte"
auf ökumenischem Feld ein Ende hat, aber auch, dass wir Orthodoxen konstanter
und mit eigenen Ansätzen in den ökumenischen Gremien mitwirken und
sie befruchten.
- Gern gesehen sind allem
Anschein nach in der Ökumene die orthodoxen Vertreter, bringen sie doch
Farbigkeit und Flair ins Geschäft. Ein orthodoxer Bischof wirkt einfach
selbst in nicht-liturgischer Kleidung immer noch hinreichend imposant und
fotogen ... Doch kann es ja wohl nicht darum gehen, die neugierigen Linsen
der Pressefotografen zu befriedigen. Wie aber steht es um das ERNST NEHMEN
des orthodoxen Beitrags in der Ökumene aus? Wenn man die Tagesordnungen
ökumenischer Institutionen von der Bundes-ACK bis zu örtlichen Kirchenräten
anschaut, so atmen nur wenige Themen "orthodoxen Geist". In der
Regel haben sich die orthodoxen Vertreter auf Themenstellungen einzulassen,
die von den westlichen Kirchen vorgegeben werden. Nun, diese bilden in der
Tat die Mehrheit, da ergibt sich manches wohl zwangsläufig. Die Frage
aber bleibt, in welchem Maße man dann ein echtes inneres Engagement
von Seiten der Orthodoxen, nicht nur der offiziellen Delegierten und einiger
Theologen, sondern der Fülle der Gläubigen erwarten darf. Noch etwas
kommt hinzu: Ist man in der Ökumene wirklich bereit, den orthodoxen theologischen
Ansatz ERNST zu NEHMEN, sich auf ein anderes theologisches Denken und Denkmodell
einzulassen? Oder herrscht nicht weitgehend die Auffassung vor, dass die Orthodoxen
zwar eine wunderschöne (wenn auch etwas langatmige und letztlich mystisch-unverständliche)
Liturgie haben, prachtvoll singen und herrlich über Spiritualität
reden, aber zu aktuellen Fragen der Gegenwart nichts beitragen können,
denn schließlich verstehen sie - angeblich - nichts von moderner kritischer
Exegese, von kirchlicher Soziallehre und Diakonie usw. ... Anders gesagt:
Wenn man ein wenig urkirchlich-archaisch anmutende Atmosphäre braucht,
sind die Orthodoxen unschlagbar, aber zu den Fragestellungen des Heute haben
sie nichts Brauchbares zu sagen.
Kann aber dieser Eindruck nicht auch und ganz wesentlich daran liegen, dass
man eigentlich nie daran gedacht hat, die spezifischen Ansätze orthodoxer
Theologie, etwa den gesamten Komplex der Theosis für die Soteriologie,
der Ökonomie als eines Modells der kirchlichen Ordnung oder der liturgischen
Interpretation der Schrift als eines Weges der Exegese, um nur drei Beispiele
zu nennen, wirklich ERNST zu NEHMEN und sich auf sie einzulassen, sondern
in einem - manche würden sagen: typischen - westlichen Überlegenheitsgefühl
von der unfraglichen Superiorität der eigenen Theologie ausgeht. Zu fragen
ist allerdings auch, ob von uns Orthodoxen selbst unsere spezifischen Ansätze
in genügender Weise angeboten und verdeutlicht werden - und wir uns nicht
bequemerweise darauf beschränken, entweder die westliche Melodie mehr
oder minder gelungen mitzupfeifen oder aber den Kopf zu schütteln und
uns - leise und möglichst ungesehen - auszuklinken statt eine vielleicht
nicht immer leichte Diskussion zu riskieren.
So wünsche ich mir vom ÖKT den Impuls, mit einer spirituellen und
theologischen Begegnung mit der Orthodoxie ERNST zu MACHEN, das Studium orthodoxer
theologischer Werke nicht nur einem kleinen Kreis von Spezialisten zu überlassen,
sondern sich auch auf Feldern, die bislang als eine Art Reservat westlicher
Theologie gelten, wie etwa die Exegese, auf den spezifisch orthodoxen Ansatz
einzulassen, aber auch von uns selbst, dass wir von unserem spezifischen theologischen
Ansatz aus Antworten auch zu Fragen der Gegenwart geben, die diese Gesellschaft
bedrängen.
- Es ist bekanntlich
zwar nicht richtiger, aber einfacher, über jemanden zu reden als mit
ihm - und erst recht, ihm die Gelegenheit zu geben, selbst laut und öffentlich
seiner Position Gehör zu verschaffen. Dies scheint immer noch und nicht
so selten in Bezug auf die Orthodoxe Kirche in diesem Lande Praxis zu sein,
denn obwohl sie inzwischen fast 1,5 Millionen Mitglieder zählt, darunter
nicht wenige Theologen, obwohl es seit einigen Jahren eine Ausbildungseinrichtung
Orthodoxe Theologie an der Universität München mit perfekt deutschsprachigen
Absolventen gibt, stößt man immer noch und immer wieder darauf,
dass evangelische oder römisch-katholische "Ostkirchenexperten"
in Presse und Rundfunk zu orthodoxen Themen befragt werden, die Orthodoxen
selbst aber nur in Ausnahmefällen zu Wort kommen. So dürfte ein
ERNST NEHMEN einer Schwesterkirche kaum aussehen, sondern lediglich eine Betreuungsmentalität
sich auswirken ... Wobei auch hier einzugestehen ist, dass es auch etliche
Orthodoxe gibt, die sich in dieser Mentalität durchaus wohlfühlen
und gerne die süßen Früchte der Abhängigkeit verzehren.
So wünsche ich mir vom ÖKT, dass durch ein verstärktes Mitwirken
orthodoxer Theologen, aber auch Laien die Erkenntnis wächst, dass es
inzwischen genügend Orthodoxe in diesem Lande gibt, die die Position
ihrer Kirche selbst darstellen können, und dass man ERNST MACHT mit der
Einbeziehung dieser Menschen in die entsprechenden Gremien, statt ihre - angeblichen
- Interessen durch andere vertreten zu lassen, auch wenn das vielleicht in
manchen Fällen bequemer sein mag. Orthodoxe können inzwischen sehr
wohl für sich selbst sprechen, wenn man sie nur fordert.
- Auf nahezu allen ökumenischen
Ebenen wirken Orthodoxe mit - und zwar offizielle Vertreter ihrer Kirche,
seien es nun Bischöfe, Theologen oder andere Delegierte. So entsteht
zumeist ein Bild festen orthodoxen Engagements in der Ökumene. Dieses
Bild relativiert sich aber rasch, wenn wir an die Basis gehen, wenn wir die
Gemeindeebene betrachten, die in der Regel von der Ökumene weitgehend
unberührt bleibt, von einigen Gemeindefesten mal abgesehen. Wenn wir
als Orthodoxe die bundesrepublikanischen ökumenischen Strukturen ERNST
NEHMEN, haben wir die Verpflichtung, sie auch unseren Gemeinden und den so
genannten "einfachen" Gläubigen zu verdeutlichen und ihnen
gegenüber unser ökumenisches Engagement zu erklären, ggf. zu
rechtfertigen. Scheuen wir als die offiziellen Vertreter unserer Kirche in
ökumenischen Gremien dies, scheuen wir die damit verbundene Arbeit, aber
vielleicht auch die Möglichkeit, in unseren Gemeinden nur Unverständnis
und Ablehnung zu ernten, so sollten wir unsere Position und unser Engagement
überdenken. Es bedeutet sicher kein ERNST NEHMEN der Ökumene, ja
nicht einmal eine tragfähige Basis für unsere Zusammenarbeit mit
den anderen christlichen Schwestern und Brüdern, wenn wir sozusagen "auf
Gipfelebene" hoch über den Niederungen des Gemeindealltags ökumenische
Verbundenheit praktizieren, aber in den Pfarreien nicht nur kaum etwas davon
ankommt, sondern das Wenige, das die Gemeindemitglieder "mitbekommen",
noch auf Ablehnung stößt. Dieses ERNST NEHMEN der Verantwortung
gegenüber dem eigentlichen "Wächter der Religion", der
nach der bekannten Enzyklika der orientalischen Patriarchen von 1848 weder
Patriarchen noch Konzilien sind, sondern "im gesamten Leib der Kirche,
d.h. im Volk selbst besteht", scheint mir vordringlich im Hinblick auf
die Zukunft jedes orthodoxen Engagements in der Ökumene - nicht nur,
aber auch in Deutschland.
So erwarte ich mir vom
ÖKT ein ERNST MACHEN mit der Öffnung der orthodoxen Gemeinden, zuerst
Berlins, aber auch weit darüber hinaus, für den ökumenischen
Dialog, aber auch die Bereitschaft unserer nicht-orthodoxen Brüder und
Schwestern, dabei Aussagen ERNST zu NEHMEN, die nicht immer so freundlich und
der "ecumenical correctness" entsprechend formuliert sein werden wie
die der ökumenegeschulten Vertreter der Orthodoxie, mit denen man es zumeist
zu tun hat.
Aber nur ERNST NEHMEN
des anderen und ERNST MACHEN mit den Folgerungen daraus kann uns auf dem Weg
zueinander weiterbringen!
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