3. Begegnung im Theologischen
Dialog zwischen ROK und EKD
(Bad Urach III)
Auf Einladung der Evangelischen
Kirche in Deutschland (EKD) fand vom 1. bis 7. Juni 2002 die dritte Begegnung
in der neuen Reihe des bilateralen Theologischen Dialogs mit der Russischen
Orthodoxen Kirche (ROK) nach dem Neubeginn in Bad Urach in der Evangelischen
Akademie in Mülheim an der Ruhr statt, der somit als Urach III bezeichnet
wird. Diese neue Reihe der Dialogrunden führt jene zusammen, die vor der
Vereinigung Deutschland von Seiten der Russischen Orthodoxen Kirche separat
mit der EKD der alten Bundesländer unter dem Namen "Arnoldshain"
und mit den evangelischen Kirchen der DDR unter der Bezeichnung "Zagorsk"
geführt worden sind. An dem jetzigen Gespräch nahmen von Seiten der
Russischen Orthodoxen Kirche teil der Metropolit German (Timofeev) von Wolgograd
und Kamyõin (als Delegationsleiter), Erzbischof Feofan (Galinskij) von
Berlin und Deutschland, Archimandrit Iannuarij (Ivliev), Dozent der Sankt Petersburger
Geistlichen Akademie, Priester Vladimir Õmalij, Berater des Kirchlichen
Außenamtes und Sekretär der Synodalen Theologischen Kommission, sowie
Aleksej I. Osipov, Professor an der Moskauer Theologischen Akademie, und Valerij
A. Æukalov, Assistent des Vorsitzenden des Kirchlichen Außenamtes
der ROK. Hierodiakon Kiprian (Jaõæenko), der Dekan der pädagogischen
Fakultät am St. Tichon-Institut in Moskau, war im letzten Moment an der
Teilnahme verhindert. Die Evangelische Kirche in Deutschland vertraten der Leiter
der Hauptabteilung Ökumene und Auslandsarbeit im Kirchenamt der EKD, Bischof
Dr. h.c. Rolf Koppe, der zugleich Delegationsleiter war, ferner Pfarrer Prof.
Dr. Christof Gestrich, Berlin, Oberkirchenrätin Pfarrerin Dr. Dagmar Heller,
Hannover, Pfarrer Direktor Siegfried T. Kasparick, Brandenburg, Diplom-Pädagoge
Karl Kruschel, Schwerte, Oberkirchemat i.R. Pfarrer Dr. h.c. Claus-Jürgen
Roepke, Gräfelfing, Pfarrerin Dr. Ariane Schneider, Erlangen, Pfarrer Professor
Dr. Günther Schulz, Münster, und Pfarrer Professor Dr. Dr. h.c. Reinhard
Thöle, Bensheim (Berater). Außerdem nahmen mehrere Gäste und
Beobachter, darunter ein Pfarrer der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland
und den anderen Staaten (ELKRAS), Anton Tichomirov, sowie die orthodoxe Dimplomtheologin
Anna Briskina aus Heidelberg teil.
Über den Verlauf der Beratungen wurde ein umfangreiches, von Metropolit
German und Bischof Dr. Koppe unterzeichnetes Kommuniqué veröffentlicht,
das nachstehend mit leichten Kürzungen wiedergegeben wird.
Zum Auftakt des Dialogs nahmen die Dialogpartner betend an der Göttlichen
Liturgie in der Kirche der Vertretung des Moskauer Patriarchats in Deutschland
in Düsseldorf teil. Im Anschluss begrüßte Erzbischof Longin
die Delegationen sehr herzlich. Metropolit German, Bischof Dr. Rolf Koppe und
der Vizepräses der Evangelischen Kirche im Rheinland, Nikolaus Schneider,
richteten Grußworte an die Gläubigen. Anwesend waren auch der Vorsitzende
der ACK Nordrhein-Westfalen, Eberhard Spiecker, als Vertreter der Landesregierung
Peter Metten und der Generalkonsul der Russischen Föderation. Mit einem
gemeinsamen Mittagessen wurde dieser Besuch beendet.
Um den Dialogteilnehmenden aus Russland ein wenig von den Sehenswürdigkeiten
der Umgebung zu zeigen, wurde am gleichen Tag ein Ausflug in das mittelalterliche
Städtchen Zons am Rhein organisiert.
Am Mittwoch, den 5. Juni nahm der Ratsvorsitzende der EKD, Präses Manfred
Kock, an den Nachmittagsberatungen teil und lud am Abend zu einem Empfang in
die Evangelische Akademie ein. In seinem Grußwort wies er auf das Interesse
der EKD an einer Weiterführung der Dialoge hin. Metropolit German betonte
in seiner Entgegnung die lange gute Geschichte der Dialoge sowohl mit der EKD
als auch mit dem Bund der ev. Kirchen in der DDR, erinnerte an die gute Zusammenarbeit
zwischen EKD und ROK bei den Milleniumsfeierlichkeiten und betonte seine Hoffnung
auf zukünftige enge Beziehungen. Prof. Günther Schulz überreichte
dem Metropoliten die doppelbändige Ausgabe der Akten des für die Geschichte
der ROK wichtigen Landeskonzils von 1917/18, die in russisch-deutscher Zusammenarbeit
in Münster herausgegeben wurde.
Am Donnerstag hatten die Dialogteilnehmenden die Gelegenheit die evangelische
Fach- hochschule in Bochum kennenzulernen: Vorgestellt wurden die Fachbereiche
Sozialwesen und Religions- / Gemeindepädagogik. Der Fachbereich Sozialwesen
unterhält seit 10 Jahren eine Partnerschaft mit dem Gebiet Vologda, in
die auch die Eparchie einbezogen ist.
Anschließend nahmen die Gesprächsteilnehmer an einem Gottesdienst
in der evangelischen Gemeinde St. Viktor in Schwerte teil. Die Gemeinde St.
Viktor unterhält seit vielen Jahren eine Partnerschaft zu russisch-orthodoxen
Kirchengemeinden in Pjatigorsk.
Die Sitzungen der Dialogberatungen in Mülheim wurden abwechselnd von Metropolit
German und Bischof Dr. Rolf Koppe moderiert. Die gesamte Begegnung wurde durch
ein gemeinsames geistliches Leben in Morgen- und Abendgebeten begleitet, die
abwechselnd von orthodoxer und evangelischer Seite gestaltet wurden. ...
Die Dialogpartner hatten sich im Vorfeld auf zwei Hauptthemen geeinigt:
a) Religiöse Bildung und Erziehung
b) Zwischenkirchliche Beziehungen: Situation und aktuelle Dokumente.
Religiöse Bildung
und Erziehung
Für die EKD hielt Professor Scheilke (Comenius-lnstitut, Münster)
das grundlegende Referat unter dem Titel "Bildung in evangelischer Verantwortung.
Auftrag, Aufgaben und Perspektiven": Der biblische Auftrag und der reformatorische
Ansatz zur Bildung umfasst die Verantwortung für eine religiöse Bildung
im persönlichen, gesellschaftlichen und kirchlichen Bereich. Dies geschieht
in Auseinandersetzung mit den gegenwärtigen gesellschaftlichen Herausforderungen
(wie z.B. der Privatisierung von Religion, dem Pluralismus, der öffentlichen
Präsenz anderer Religionen). Exemplarisch wurde diese umfassende Verantwortung
für religiöse Bildung in den Bereichen der biographischen Begleitung,
der evangelischen Kindertageseinrichtungen, der Arbeit mit Konfirmand(inn)en
und Jugendlichen, der Evangelischen Schulen und der Erwachsenenbildung entfaltet.
In der Diskussion wurde auf die Beziehung von Bildung und Gottesebenbildlichkeit
und auf die Unverfügbarkeit von Bildung im Sinne der Verwandlung des Menschen
in das Bild Christi (2.Kor.3) Wert gelegt. Weiterhin ging es um das möglichst
weit reichende Angebot einer christlichen religiösen Bildung für alle.
Außerdem wurde die Frage der kirchlichen Bindung und Fortbildung der Vermittler
religiöser Bildung diskutiert.
Professor Osipov hielt ein Referat über "Einige Grundsätze der
geistlichen Ausbildung in der Russischen Orthodoxen Kirche". Darin gab
er eine in drei Epochen gegliederte Übersicht über die 1000jährige
Geschichte der geistlichen Ausbildung in Russland. In der Gegenwart zeigt sich
das Bestreben, in der geistlichen Ausbildung Antworten auf die aktuellen Probleme
im kirchlichen und sozialen Leben zu geben. Die wichtigsten Grundsätze
der modernen geistlichen Ausbildung sind ihre soteriologische Orientierung,
die Ganzheitlichkeit der christlichen Lehre und des christlichen Lebens, ihre
Universalität und Offenheit. In der Diskussion wurde auf die Bedeutung
eines vorbildlichen Lebens der Lehrenden (z.B. in den Klöstern) hingewiesen.
Gleichfalls wurde die Notwendigkeit unterstrichen, die Sprachen in der Kirche
und in der Welt zueinander in Beziehung zu setzen.
Berichtet wurde von Frau Dr. Sybille Fritsch-Oppermann über den Auftrag
der Evangelischen Akademien am konkreten Beispiel der Evangelischen Akademie
Mülheim, deren Direktorin sie ist. Die Arbeit der Evangelischen Akademien
bietet Raum, aktuelle und neue Entwicklungen an der Schnittstelle zwischen Kirche
und Gesellschaft kompetent, umfassend und interdisziplinär ins Gespräch
zu bringen. Die orthodoxen Teilnehmer fügten im Gespräch ihre Erfahrungen
bei, in denen die ROK eine wichtige Plattform für Gespräche zwischen
Kirche, Gesellschaft, Kultur, Staat und Wissenschaft in Russland bietet.
Der landeskirchliche Schuldirektor Winfried Walter aus Düsseldorf berichtete
über den Religionsunterricht an den öffentlichen Schulen in Deutschland.
Dieser Unterricht wird -von Ausnahmen abgesehen -in Deutschland auf der Basis
der Verfassung (Art. 7,3) im Zusammenwirken mit dem Staat als konfessioneller
Unterricht durchgeführt. Dabei sind die Kirchen für den Inhalt und
der Staat für den organisatorischen Rahmen des Unterrichts verantwortlich.
Dank anhaltender intensiver pädagogischer Bemühungen der Kirchen erfreut
sich dieser Unterricht in der Gesellschaft, bei Eltern, Kindern und Jugendlichen
weitreichender Akzeptanz.
Der Vortrag von Hierodiakon Kiprian Jaõæenko (in dessen Abwesenheit
vorgelesen) zum Thema "Das System der orthodoxen Ausbildung in Russland,
gestern, heute und morgen" enthielt Informationen über den starken
Impuls, den die orthodoxe Ausbildung in Russland nach der Feier des Milleniums
der Taufe der Rus' und den politischen Veränderungen erhalten hat. Es wurde
über das schnelle Wachstum unterschiedlicher Formen und Methoden der orthodoxen
Ausbildung von Kindern und Erwachsenen berichtet. Die Zusammenarbeit der ROK
mit dem Ministerium für Bildung in Russland bietet zum ersten Mal die Möglichkeit
für den Unterricht der Theologie an den weltlichen Universitäten und
anderen Hochschulen. Zugleich wurde eine Reihe von Schwierigkeiten wie der Mangel
an qualifizierten Fachkräften, Räumlichkeiten, materiellen und technischen
Hilfsmitteln erwähnt. In der Diskussion wurde auf die in den letzten Jahren
entstandenen Kontakte mit Bildungseinrichtungen im Ausland, so z.B. mit der
Humboldt-Universität in Berlin hingewiesen. Ausserdem wurden als Wünsche
formuliert, (I.) die akademischen Kontakte zwischen vergleich- baren Institutionen
(z.B. Fakultäten, Instituten) zu intensivieren, (2.) in beiden Kirchen
den Erwerb von Fremdsprachenkenntnissen zu unterstützen, (3.) die Hilfe
bei der Beschaffung theologischer Literatur, bei der Übersetzung und beim
Austausch zu verstärken.
Zwischenkirchliche Beziehungen:
Situation und aktuelle Dokumente
Bischof Koppe und Professor Thöle informierten über den Helsinki-Bericht
von der Sitzung der Sonderkommission über die Mitarbeit der orthodoxen
Kirchen im Ökumenischen Rat der Kirchen (ÖRK), die vom 27. Mai bis
2. Juni 2002 in Järvenpää stattfand und deren Ergebnisse im August
diesen Jahres dem Zentralausschuss des ÖRK vorgelegt werden (vgl. den Wortlaut
des Berichtes S. XX-XX). Dort wurde ein Vorschlag erarbeitet, für die ÖRK-Entscheidungen
ein Konsensmodell zu verwenden und neben dem Status der Mitgliedschaft im ÖRK
die Möglichkeit eines assoziierten Anschlusses zu schaffen. Besondere Aufmerksamkeit
soll in der Arbeit des ÖRK in Zukunft dem Zusammenhang von Ekklesiologie
und Fragen des gemeinsamen Gebets gelten. In der Diskussion sprachen die Teilnehmenden
über die Notwendigkeit, dass der ÖRK sich in seinen Arbeitsformen
wie in seinem Selbstverständnis weiter entwickelt. Von besonderem Interesse
für die Teilnehmenden am Dialog waren die Vorschläge der Sonderkommission
im Hinblick auf gemeinsame konfessionelle und interkonfessionelle Gebete. Beide
Dialogpartner waren sich einig in der Bedeutung einer weiteren Zusammenarbeit
von Orthodoxen und Protestanten im ÖRK.
Archimandrit lannuarij (Ivliev) trug den Teilnehmenden am Dialog in einem Referat
"Das Konzept der Beziehungen der Russischen Orthodoxen Kirche zu den Nichtorthodoxen"
vor. Es enthielt eine umfassende Übersicht des auf der Jubiläums-Bischofssynode
der ROK im Jahr 2000 verabschiedeten Dokumentes "Grundlegende Prinzipien
der Beziehun- gen der Orthodoxen zu den Nichtorthodoxen". Es wurde daraufhingewiesen,
dass das Papier auf eine bestimmte kirchliche Situation in Russland eingeht
und von daher in erster Li- nie für den innerkirchlichen Gebrauch bestimmt
war.
Professor Gestrich hielt ein Referat über "Ökumene und zwischenkirchliche
Beziehungen aus der Sicht der EKD -gegenwärtige Situation und aktuelle
Dokumente". In diesem Vortrag referierte er den reformatorischen Ansatz
für ein Verständnis von Kirchengemeinschaft, beschrieb das Verhältnis
zwischen den Kirchen im 20. Jahrhundert, gab einen Rückblick auf die Dialoge
mit der ROK und beschrieb Reaktionen auf "Die grundlegenden Prinzipien"
der Moskauer Bischofs-Synode. Danach stellte er die Hauptthesen des neuen Textes
"Kirchengemeinschaft nach evangelischem Verständnis. Ein Votum der
EKD zum' geordneten Miteinander bekenntnisverschiedener Kirchen" (2001)
dar. Wesentlich kam es ihm darauf an, dass die christologische Ausrichtung in
der weltweiten theologischen Diskussion durch ein Verständnis einer "Gemeinschaft
des Heiligen Geistes" (2 Kor 13.13) erweitert wird. Das Ziel der ökumenischen
Weltarbeit sei nicht der Sieg eines bestimmten Kirchentyps, sondern die enge
Freundschaft und konziliare Gemeinschaft verschiedener Kirchen. Die Möglichkeiten,
um zwischen dem orthodoxen Verständnis von Sobornost' und dem evangelischen
Verständnis von zwischenkirchlicher Gemeinschaft (Confessio Augustana VII
und Leuenberger Konkordie) Verbindungsglieder zu finden, seien noch nicht ausgeschöpft.
Präses Manfred Kock, der Vorsitzende des Rates der EKD, gab einen Bericht
über die Reaktionen, die das von der EKD veröffentlichte Papier "Kirchengemeinschaft
nach evangelischem Verständnis" in Deutschland hervorrief. Dabei wurde
deutlich, dass die EKD ihre Position klar vertreten möchte und gleichzeitig
ihr Votum selbstkritisch diskutiert. Als besondere Schwierigkeit benannte er,
dass das Papier sowohl das eigene Konzept von Kirchengemeinschaft darstellen
möchte und gleichzeitig sehr verkürzt versucht, die Beziehungen zu
anderen Kirchen zu beschreiben. In der Diskussion betonte die orthodoxe Seite,
dass, anders als im EKD -Papier behauptet, die evangelische Taufe seit langem
von der Orthodoxen Kirche anerkannt sei. Präses Kock ermutigte die Teilnehmenden
am Dialog, das von Christus vorgegebene Ziel der Einheit fest ins Auge zu fassen.
In der Diskussion wurde mit Dankbarkeit festgestellt, dass es dem Präses
mit seinen Worten gelungen war, einander entgegengesetzte Positionen neu miteinander
ins Gespräch zu bringen.
Ziel der mit diesen Referaten verbundenen Diskussionen war es, zu prüfen,
inwieweit die vorliegenden Dokumente die Aussichten und den weiteren Verlauf
des Bilateralen Dialogs zwischen der EKD und der ROK beeinflussen können.
Aus der EKD Delegation wurde in geschwisterlich offener Weise besonders an den
Punkten des Moskauer Papiers Kritik geübt, nach denen es Aufgabe der Dialoge
ist, den Partnern das orthodoxe Selbstverständnis darzulegen (4.2.) bzw.
sie zu einem Prozess der Genesung und der Veränderung ihres dogmatischen
Bewusstseins zu fuhren ( 4.4 ). Auch der z.T. apodiktische Charakter einzelner
Kapitel wurde als beschwerlich und als Rückschritt in den Beziehungen empfunden.
Die EKD-Seite wies darauf hin, dass das Dokument zwar das aus vielen Gesprächen
bekannte Selbstverständnis der Orthodoxen Kirche wiedergibt, zugleich aber
in deutlicher Form von einer nur eingeschränkten Kirchlichkeit der Nichtorthodoxen
spricht. Gleichzeitig wiesen die EKD- Teilnehmenden mit Genugtuung auf jene
Abschnitte des Papiers hin, in denen die Wichtigkeit des Dialogs betont wird.
Dies setzt eine gegenseitige Dialogbereitschaft voraus, eine Bereitschaft, sich
zu verstehen.
Die ROK-Vertreter wiesen in der Diskussion darauf hin, dass dieses Papier im
Dialog mit den nichtorthodoxen Kirchen keinen Rückschritt bedeutet, sondern
lediglich eine klare, systematische Darstellung des ekklesiologischen Selbstverständnisses
der ROK, wie es immer wieder bei ökumenischen Gesprächen dargelegt
wurde. Hierbei verbindet sich die Treue gegenüber dem eigenen ekklesiologischen
Selbstverständnis mit einer Offenheit für den Dialog.
Im Verlauf der Diskussion einigten sich die Dialogpartner, dass ungeachtet der
gegenwärtigen Schwierigkeiten eine Fortführung des Dialogs besonders
zu Fragen der Ekklesiologie und der Beziehungen zur Ökumene erforderlich
sei. Beide Seiten halten es für zweckmäßig, dass der Dialog
die vorhandenen Differenzen nüchtern und realistisch einschätze, die
Identität der Dialogpartner achte und zugleich auf ein größeres
Verständnis, auf eine größere Gemeinschaft in aller Verschiedenheit
hinarbeite.
Weitere Informationen
und Gespräche
Neben vielen informellen Gesprächen beschäftigten sich die Dialog-Teilnehmenden
außerhalb der Hauptthemen mit folgenden Bereichen:
1. Die orthodoxe Seite informierte auf Anfrage über ihre Sicht des Begriffes
"Kanonisches Territorium". Hier wurde deutlich, wie schmerzlich die
ROK es erlebt, wenn innerhalb ihrer Jurisdiktion, ihrer kirchlichen Strukturen
und ihrer Gemeinden andere kirchliche Organisationen mit einer missionarischen
Absicht willkürlich oder gar planmäßig aufgebaut werden und
die orthodoxe Kirche dadurch geschwächt wird. Die Dialogpartner bedauerten,
dass solche Aktivitäten oft ohne Absprache mit der ROK durchgeführt
werden.
2. Pfarrer Anton Tichomirov gab einen Einblick in die Geschichte und Gegenwart
der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Russland und anderen Staaten (ELKRAS),
als unverzichtbarem Teil der Geschichte und Gegenwart Russlands. Dabei wurden
die vielen guten und wertvollen gemeinsamen Erfahrungen dargestellt, sowie auf
noch bestehende gegenseitige Unkenntnis und Vorurteile zwischen Orthodoxen und
Lutheranern hingewiesen.
3. Erzbischof Feofan von Berlin und Deutschland berichtete aus dem Leben der
Berliner Diözese des Moskauer Patriarchats. Er erläuterte kurz die
Geschichte der Russisch-Orthodoxen Gemeinden in Deutschland und ging dann auf
die heutige Situation der 40 Gemeinden ein. Ein besonderes Problem stellen die
Erwartungen vieler neuer Gemeinden dar, dass für Gebäude, Priester
und Chöre gesorgt wird. Die Mittel und die Möglichkeiten der Berliner
Diözese sind aber sehr begrenzt. Erzbischof Feofan dankte den anderen Konfessionen,
für die vielfältige Unterstützung der Arbeit. Besonders wies
er auf die Schwierigkeiten hin, für die vielen orthodoxen Kinder eigenen
Religionsunterricht anzubieten. Auch seien die Informationen über die Orthodoxen
Kirchen in den Schulen noch unzureichend. Bischof Koppe versprach, sich von
Seiten der EKD für eine Verbesserung einzusetzen.
Abschließende
Bewertung
Der theologische Dialog zwischen der EKD und der ROK hat inzwischen eine mehr
als 40- jährige Tradition. In dieser Zeit sind die Beziehungen zwischen
den beiden Kirchen nicht nur durch die Behandlung theologischer Fragen, sondern
auch durch Gespräche über die Situation in beiden Ländern vertieft
worden, und man hat sich gegenseitig besser kennen gelernt. Seit den großen
politischen Veränderungen in den letzten 10 Jahren haben sich die Rahmenbedingungen
dieses Dialogs allerdings verändert, -wie bereits bei den Begegnungen in
Bad Urach ( 1992) und Minsk ( 1998) festgestellt wurde. Das bis dahin bereits
gewachsene Vertrauen hat es möglich gemacht, dass die Gespräche in
Mülheim in einer freundschaftlichen und geschwisterlichen Atmosphäre
stattfanden, in der auch schmerzhafte Dinge offen angesprochen werden konnten.
Es wurde festgestellt, dass die beiden Kirchen jetzt an einem wichtigen Punkt
in ihrem Dialog angelangt sind, an dem die schwierigen ekklesiologischen Fragen
in ihrer Bedeutung für das ökumenische Miteinander deutlicher hervortreten.
Es war die allgemeine Auffassung auf beiden Seiten, dass gerade jetzt der Dialog
fortgesetzt werden muss und dass es unsere Aufgabe ist, in aller Offenheit an
den schwierigen Fragen weiterzuarbeiten, um uns auch in Zukunft mit gegenseitiger
Achtung, Verständnis und Liebe begegnen zu können und damit zu Versöhnung
und Frieden in der Welt und zu einem gemeinsamen Zeugnis vom Evangelium Jesu
Christi beizutragen.
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