Aus der Verantwortung vor Gott, der Geschichte und der Menschheit handeln
von Vsevolod Tschaplin*
Die jüngste Entscheidung
des Vatikan über die Errichtung katholischer Diözesen in Russland
hat eine ganze Reihe sehr ernster Fragen in den Beziehungen zwischen der Russischen
Orthodoxen und der Römisch-Katholischen Kirche aufgeworfen. Seit Februar
2002, als dieser Schritt unternommen wurde, haben beide Seiten, die orthodoxe
wie die katholische, eine hinreichende Zahl von Erklärungen wie eine Menge
von Interviews gegeben. Jetzt sind die Positionen klar und ihre prinzipielle
Verschiedenheit ist offensichtlich. Allen ist klar geworden, dass der orthodox-katholische
Dialog zum Zusammenbrechen gekommen ist. Jede der Seiten hat ihre Wahrheit und
ist bereit, diese bis zum Ende zu verfechten. Worin aber bestehen die wirklichen,
tiefen Gründe für diesen neuen tragischen Gegensatz zwischen den zwei
großen christlichen Kirchen?
Den ersten Versuch, die Diskussion von der polemischen auf eine ernsthaftere
Ebene, nämlich eine weltanschauliche und theologische, zu erheben, stellte
ein Artikel von Kardinal Walter Kasper, dem Vorsitzenden des Päpstlichen
Rates für die Einheit der Christen, dar, der im März dieses Jahres
in der Zeitschrift der italienischen Jesuiten "Civiltá cattolica"
publiziert wurde. In dem Artikel wurde der derzeitige theologische Konflikt
zwischen Ost und West ernsthaft beschrieben. Er stellt zweifelsohne einen Aufruf
dar, denn er trägt einen einführenden Charakter und enthält eine
scharfe Kritik der Position der Russischen Orthodoxen Kirche.
Wir nehmen diesen Aufruf an, und ich werde mich bemühen zu erklären,
warum nicht allein die russische, sondern praktisch alle autokephalen orthodoxen
Kirchen den obengenannten Schritt des Vatikans als einen Schlag gegen die orthodox-katholischen
Beziehungen und als einen ernsten strategischen Fehler der Römisch-Katholischen
Kirche gewertet haben, für den diese die Verantwortung vor der ganzen christlichen
Zivilisation trägt. Zu allererst einmal soll die Versicherung bestritten
werden, dass die Errichtung katholischer Diözesen in Russland ausschließlich
eine "innere Angelegenheit" der Katholiken sei und keinerlei Kritik
von außen unterliegen könne. Einerseits stellt die Entscheidung des
Vatikan wirklich eine Frage der inneren Organisation der Strukturen der Römisch-Katholischen
Kirche dar, welche die volle bürgerlich-juristische Freiheit bei der Gestaltung
ihres Lebens besitzt. Aber dies ist nur dann der Fall, wenn man die Sache lediglich
von der formalen, juristischen Position aus betrachtet. Denn andererseits berührt
die genannte Reorganisation ganz direkt die Interessen einer anderen christlichen
Kirche, der Russischen Orthodoxen. Einmal abgesehen davon, dass dies die Mehrheitskirche
in Russland ist, ist sie gemäß dem offiziellen Standpunkt der katholischen
Seite auch ein Partner und eine "Schwester".
Als seinerzeit der Westen die Führung der UdSSR einer Verletzung der Menschenrechte
beschuldigte, haben die sowjetischen Funktionsträger auch immer geantwortet,
dies sei eine "innere Angelegenheit" des Landes. Gleichermaßen
haben sich auch die heutigen Diktatoren verhalten und verhalten sich weiter
so. Vielleicht haben sie ja sogar recht, wenn man es rein juristisch betrachtet,
aber eine "innere Angelegenheit", die fremde Interessen verletzt oder
eine fremde Würde beleidigt, wird dadurch auch eine äußere.
Denn schließlich existieren universale ethische Normen, die man nicht
außer Acht lassen darf.
Dies betrifft noch weit mehr die Beziehungen zwischen Kirchen. Wir als Christen
können und dürfen uns in diesen Beziehungen nicht ausschließlich
von juristischen Prinzipien leiten lassen. Liebe und Achtung vor dem Nächsten
sind grundlegende Begriffe der christlichen Glaubenslehre. Wenn die katholische
Kirche in Russland so handeln möchte, als befände sie sich in einem
gewissen Vakuum, und die Meinung und die Interessen der Orthodoxen ignoriert,
von welcher Partnerschaft und welchem Dialog kann dann die Rede sein? Nichtsdestoweniger
möchten wir wie früher unsere Beziehungen nicht als eine Konkurrenz,
sondern als eine Partnerschaft verstehen und nicht nach dem toten Buchstaben
juristischer Entscheidungen leben, sondern gemäß den hohen ethischen
Prinzipien, die es den Christen auferlegen, zusammenzuarbeiten und nach dem
Gesetz brüderlicher Liebe zu leben. Unsere Kirchen sollten nicht zwei Firmen
gleichen, die um den Markt kämpfen, sondern zwei verbündeten Völkern.
Eine Partnerschaft setzt aber unweigerlich eine Abstimmung im Handeln, gegenseitige
Offenheit und Verantwortung voraus. Bis zum Februar diesen Jahres haben wir
auch den Glauben an eine Beziehung dieser Art von Seiten der katholischen Kirche
bewahrt, aber die bei der Entscheidung über die neuen Diözesen angewandten
Methoden wurden für uns zu einer bitteren Enttäuschung. Die Russische
Orthodoxe Kirche wurde einfach vor die vollendete Tatsache gestellt, indem man
sie nur einige Tage im Voraus davon unterrichtete. So erklärt man den Beginn
eines Krieges, aber erfragt nicht einen brüderlichen Rat! Buchstäblich
am Vorabend, nämlich im Dezember zum katholischen und im Januar zum russischen
orthodoxen Christgeburtsfest, hat Metropolit Kirill, der Vorsitzende der Abteilung
für kirchliche Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats, zweimal
mit dem Haupt der russischen Katholiken, Erzbischof Tadeusz Kondrusiewicz, zu
Mittag gegessen, der nicht mit einem einzigen Wort die sich vorbereitende Entscheidung
erwähnte. Am 25. Januar diesen Jahres wurde die Delegation unserer Kirche,
die am interreligiösen Treffen in Assisi teilnahm, von Johannes Paul II.
empfangen - und wieder kein Wort über die baldige Errichtung der Diözesen.
Die Entscheidung wurde im Geheimen getroffen. Was blieb danach für uns
noch mit Kardinal Kasper zu sprechen, dessen Besuch für Ende Februar geplant
war? Einen Dialog muss man vor, und nicht, nachdem konkrete Entscheidungen gefällt
worden sind, führen, die die Interessen einer der Seiten des Dialogs berühren.
Anders verliert er völlig seinen Sinn.
Ich erkläre jetzt, warum, klar gesagt, unsere Kirche dagegen eintritt,
dass Russland - das größte orthodoxe Land der Welt - in katholische
Diözesen aufgeteilt und zu einer "Kirchenprovinz" der Römisch-Katholischen
Kirche gemacht wurde. Dies bedeutet die Schaffung einer vollwertigen, zentralisierten
katholischen Ortskirche in Russland. Ja, Christus hat jeder Kirche aufgetragen
zu predigen und zu lehren. Und insofern eine Ortskirche ein Teil der allumfassenden
Kirche ist, so muss sie auch, nach dem Wort des Erlösers, "alle Völker"
(Mt 28,19) ohne Ansehen der Nation und der Sprache lehren. Darin hat Kardinal
Kasper zweifelsohne Recht. Die Schwierigkeit besteht nur darin, dass in Russland
schon 1000 Jahre lang eine eigene Ortskirche besteht - die Russische Orthodoxe.
Und die Schaffung von zentralisierten Strukturen, die parallel zu ihr existieren,
bedeutet faktisch, sie nicht als einen Teil der allgemeinen Kirche anzuerkennen.
Eine solche Beziehung verletzt die Prinzipien, die vom II. Vatikanischen Konzil
verkündet worden sind. Kann man hiernach noch von irgendeiner "Schwesterlichkeit"
zwischen den Kirchen sprechen?
In der entstandenen Polemik hat die katholische Seite schlicht den Begriff des
kanonischen Territoriums abgelehnt, was ein klares Anzeichen einer Hinwendung
zu jener Denkweise bedeutet, die bis zum II. Vatikanischen Konzil herrschte,
da die Katholische Kirche die Orthodoxie nicht als einen Teil der allgemeinen
Kirche ansah. Wenn man jedoch bedenkt, dass die Orthodoxen auf diesem Prinzip
beharren, so demonstrieren sie auf die eine oder andere Weise, dass sie die
katholische Kirche für einen Teil der einen christlichen "Katholizität"
halten, auf die die Normen der Alten Kirche anzuwenden sind, die die Existenz
paralleler Kirchenstrukturen nicht zulassen.
Das Merkwürdigste ist, dass wir noch vor kurzem eine völlige Einmütigkeit
mit der Katholischen Kirche in dieser Frage hatten. Ich erinnere an die Geschichte.
Als im Jahre 1991 in der Russischen Föderation katholische Administraturen
geschaffen wurden, erklärte Rom dem Moskauer Patriarchat den Sinn des Begriffes
"Administratur" und der Gründung, demzufolge die Katholische
Kirche gerade in Russland die alten Diözesen nicht wiederherstelle und
keine neuen schaffe, wie dies in vielen anderen nachtotalitären Ländern
zu Beginn der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts geschehen war. Es war davon
die Rede, dass keine parallelen Strukturen geschaffen würden, damit die
Weltöffentlichkeit verstehe: die Katholische Kirche erkennt die Orthodoxen
Kirchen als "Schwesterkirchen" an.
Ein Jahr nach diesen Geschehnissen hat eine der Kommissionen der Römischen
Kurie ein Dokument "Allgemeine Prinzipien und praktische Normen der Koordination
von Evangelisation und Ökumenischer Arbeit der Katholischen Kirche in Russland
und den anderen Ländern der GUS" veröffentlicht. In ihm wurden
klare Grenzen der pastoralen Tätigkeit der Katholiken in Russland gezogen.
In Sonderheit hieß es dort: "Außerdem soll der katholische
Klerus nach Kräften der Orthodoxen Kirche helfen" (II,2). Außerdem
rief das Dokument die katholischen Bischöfe dazu auf, darauf zu achten,
dass kein Aspekt der Tätigkeit in den Gebieten, welche sich unter ihrer
Jurisdiktion befinden, als "parallele Evangelisationsstruktur" ausgelegt
werden könnte.
Was wir aber jetzt beobachten, widerspricht den guten Vorsätzen von vor
zehn Jahren direkt. Die Katholische Kirche schafft in Russland Strukturen, die
parallel zu den orthodoxen sind, um so eine parallele Predigt durchzuführen.
Indem sie auf das Gebot des Erlösers verweisen, allen Völkern die
frohe Botschaft zu verkünden, vergessen die Katholiken die Worte des Apostels
Paulus: "Ich habe mich bemüht, nicht dort zu verkündigen, wo
der Name Christi schon bekannt ist, um nicht auf fremdem Fundament zu bauen"
(Rö 15,20). Die Katholiken bemühen sich aber, in Russland gerade auf
jenem geistlichen Fundament zu bauen, das im Laufe von 1000 Jahren die Orthodoxe
Kirche grundgelegt hat.
Dabei täuschen sich jene sehr, die unser Volk für atheistisch, für
seinem Wesen nach gottlos halten. Es ist gerade umgekehrt: Unsere Landsleute
wurden im Laufe der ganzen sowjetischen Zeit mit Gewalt vom Glauben weggebracht,
aber es ist ihm in vielem gelungen, die geistlichen Werte der Heiligen Rus'
zu bewahren: Gewissenhaftigkeit, Opferbereitschaft, Achtung vor dem Heiligen,
eine Vorstellung von Sünde und Buße. Grundlegender Zug einer derartigen
Weltauffassung ist ein Verständnis der Spiritualität als einer Hauptdominanten
des Lebens. Diese verwurzelte, genetische Religiosität in der Seele unseres
Volkes konnten die Kirchenverfolger sogar während der langen Jahre der
grausamsten Verfolgungen nicht ausreißen. Sie ist auch bis zum heutigen
Tage stark. Gerade diese Nähe und Aufnahmebereitschaft der Russen für
den Glauben ermöglicht den Erfolg der Predigt, und zwar jeder Predigt,
sowohl der kirchlichen wie auch der der Sekten. Die tausendjährige Arbeit
der orthodoxen Kirche, die Leistungen ihrer Erleuchter und Martyrer, die christliche
Erziehung und die geistliche Kultur des Volkes, sie alle haben den Boden für
das Wort Gottes ungewöhnlich gut vorbereitet.
Eben dieser Umstand, und nicht irgendwelche "fortschrittlichen" Missiontechniken,
erklärt den relativen Erfolg der katholischen Mission in Russland, von
dem Kardinal Kasper in seinem Artikel schreibt. Mehr noch: Er spricht von der
"Schwäche" der Russischen Orthodoxen Kirche, die irgendwie die
"pastorale Effektivität" der Katholischen Kirche fürchte.
Wir brauchen die "Effektivität" der Katholiken keineswegs zu
fürchten, denn wir sehen, dass sogar auf einem für die Predigt so
gut bereiteten Boden der Erfolg der katholischen Mission in Russland nicht groß
ist. Nach zehn Jahren intensiver Arbeit aller möglichern Missionsorden
ist Russland nicht katholisch geworden. Die Anzahl der gläubigen Katholiken
in unserem Land ist zwar größer geworden, aber insgesamt sehr unbedeutend.
Für jeden, der ein klein wenig mit den Realitäten in Russland vertraut
ist, erscheint die Zahl von 500-600.000 Gläubigen, die ständig von
Erzbischof Kondrusiewicz angegeben wird, mehr als übertrieben. Zudem versichert
er selbst, dass sich seit den 1990er Jahren die Zahl seiner Herde praktisch
nicht verändert habe. Aus diesem Grunde erscheint es noch verwunderlicher,
dass für eine solche "kleine Herde" eine "Kirchenprovinz"
mit einem "Metropoliten" an der Spitze geschaffen wurde. Es entsteht
der Eindruck, dass bei den Katholiken in Russland nur zwei Dinge wachsen - die
administrativen Strukturen und die Titel.
Bleiben wir beim Thema der "pastoralen Effektivität" der Katholischen
Kirche und wenden unseren Blick nach Westen, wo sie traditionell immer stark
war. Praktisch in jeder europäischen Hauptstadt zeigt man Ihnen eine frühere
katholische Kirche oder ein früheres katholisches Seminar. Die Menschen
haben sie verlassen. Wir freuen uns nicht boshafterweise daran, denn wir wissen,
durch welche Gründe solche Tendenzen hervorgerufen werden - durch den Geist
des Materialismus, des Konsums, des Hedonismus, des permissiven Denkens, der
jetzt die Menschen aktiv erfasst hat. Die zwei großen christlichen Kirchen
- die Katholische und die Orthodoxe - sollten gemeinsam diesem Geist "dieser
Welt" entgegentreten, und nicht die Kräfte in "missionarischer
Effektivität" vergeuden.
Statt dessen gehen weiterhin die Prediger der "starken" Katholischen
Kirche nach Russland und hoffen, ihre Reihen mit Leichtigkeit mit Menschen auffüllen
zu können, die geistlich genährt und erzogen worden sind von der orthodoxen
Tradition, der "schwachen" "Schwesterkirche". Gerade wegen
dieses geistlichen Parasitentums am orthodoxen Erbe klassifizieren wir unverändert
die Katholische Mission in Russland als Proselytismus, d.h. die Überführung
aus einer Kirche, aus einer Tradition in eine andere.
Die aktive missionarische Tätigkeit der Katholischen Kirche in unserem
Lande hat nichts zu tun mit der pastoralen Betreuung der schon existierenden
Herde. Der gesunde Menschenverstand sagt, dass dafür eine bestimmte Zahl
katholischer Gemeinden ausreichen würde. Womit aber, wenn nicht mit proselytischen
Zielen, kann man die Anwesenheit von Missionsorden in Russland erklären?
Bei vielen von ihnen steht der Hinweis auf die Mission schon in ihren Benennungen:
Die "Missionare-Söhne des Unbefleckten Herzens der Seligen Jungfrau
Maria" (Claretiner), "Die Missionsschwestern der Göttlichen Liebe",
"Die Missionarinnen der Heiligen Familie" usw. Andere Orden wie z.B.
die "Gesellschaft des Göttlichen Wortes" (Steyler Missionare)
sind von Anfang an als Missionsorganisationen geschaffen worden.
Als Antwort auf unsere Vorwürfe appellieren die russischen Katholiken an
die Gewissensfreiheit, die wir einzuschränken bemüht seien. Sie versichern,
dass die Russen ausschließlich gemäß ihrer eigenen freien Entscheidung
zu ihnen kämen. Wir leugnen nicht, dass es solche Fälle gibt, verweisen
aber weiterhin darauf, dass in der Regel eine solche "freie Wahl"
gut vorbereitet wurde durch vorhergehende Missionstätigkeit: Es ist eine
Sache, wenn jemand selbst in eine katholische Kirche geht, eine andere Sache,
wenn ein Missionar ihn dorthin bringt. Und es gibt nicht wenige Fälle der
letzten Art.
Wir sind auch nicht damit einverstanden, dass die Katholiken unsere Landsleute,
die in der Orthodoxen Kirche getauft wurden oder die der Orthodoxen Kultur verbunden
sind, was praktisch für die gesamt ethnische russische Bevölkerung
der Russischen Föderation, aber gleichermaßen auch für viele
traditionell orthodoxe Völker der Länder der Gemeinschaft Unabhängiger
Staaten gilt, für "Ungläubige" halten. Natürlich nehmen
sie nicht alle aktiv am kirchlichen Leben teil, aber wenn man sie für Ungläubige
hält, so kann man auch die überwiegende Mehrheit der Katholiken Westeuropas
und beider Amerikas zu den Ungläubigen zählen.
Unser völliges Unverständnis ruft die katholische Mission unter russischen
Kindern hervor, besonders unter Waisen und jenen, die in zerrütteten Familien
erzogen werden - Kindern, die in ihrer Mehrheit in der Orthodoxen Kirche getauft
worden, d.h., ihre vollberechtigten Mitglieder sind. Die katholischen Missionare,
vor allem die Nonnen verschiedener Orden, gehen in die Schulen und in Kinderheime
und predigen dort unter dem Vorwand der Wohltätigkeit ihre Glaubenslehre.
Sie errichten Horte für Obdachlose und verwahrloste Kinder, welche man
jetzt so oft auf den Straßen russischer Städte findet. In diesen
Einrichtungen werden die kleinen Russen, in ihrer Mehrzahl Kinder aus schlecht
versorgten russischen Familien, schon vollständig zum Katholizismus hingeführt.
So entwickelt sich hier die Basis für die neue "Kirchenprovinz"
des Vatikan, und als Perspektive der Gewinn von neuen Mitgliedern des Klerus
und des Mönchtums für die Länder Westeuropas, wo die Jugend nicht
mehr in die Seminare und kirchlichen Schulen geht, und daher in den Gemeinden
Hirten aus der "Dritten Welt" Dienst tun. Selbstverständlich
fragt niemand die russischen Kinder, ob sie Katholiken werden wollen. Hier haben
wir es mit einer offenkundigen Verletzung der Gewissensfreiheit zu tun, die
unsere Opponenten so gerne anführen.
Natürlich schlagen wir keineswegs vor, die unbetreuten Kinder auf den Straßen
zu lassen. Unsere Kirche unternimmt gewaltige Anstrengungen, um ihre soziale
und karitative Tätigkeit zu steigern, die unter dem totalitären Regime
verboten war. Und hier wäre eine Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirche
gerade so wertvoll. Eine gemeinsame karitative Tätigkeit könnte zu
einer wunderbaren praktischen Form unseres Zusammenwirkens werden. Um der Gerechtigkeit
willen muss man auch vermerken, dass dies teilweise stattfindet, jedoch nicht
mit den katholischen Orden, die in Russland wirken. In dieser oder jener Region
Russlands kann schon ein orthodoxer Kinderhort existieren, aber die katholischen
Nonnen richten ihren eigenen ein zur Erziehung kleiner Katholiken. Wenn sie
wirklich nicht um die Mission, sondern um die Kinder besorgt wären, warum
führen sie sie dann nicht zu den Orthodoxen? Warum teilen sie nicht ihre
Erfahrungen mit? Warum ermöglichen sie nicht den in der Orthodoxie getauften
Kindern eine geistliche Führung durch den orthodoxen Priester?
Leider geschieht dies mit sehr seltenen Ausnahmen praktisch nirgends. Die Katholiken,
die sich um russische Kinder kümmern, wollen in der Regel nicht mit ihren
orthodoxen Kollegen zusammenarbeiten, sondern haben klar andere Aufgaben. Beispielsweise
können wir glaubwürdige Belege anführen, dass in einem der katholischen
Horte von Novosibirsk drei minderjährigen Waisenbrüdern, die in der
Orthodoxie getauft und erzogen waren, verboten wurde, mit ihren Paten in Kontakt
zu treten, orthodoxe Bücher weggenommen wurden und man alles tat, ihre
Betreuung durch die Orthodoxe Kirche zu verhindern. Dies ist ein wirkliches
und nicht ein erdachtes Beispiel für die Behinderung der Freiheit, und
sie wird, wie wir sehen, von der katholischen Seite behindert. Zugleich ist
dies ein sehr deutliches, sprechendes Beispiel für den katholischen Proselytismus,
und solcher Beispiele gibt es eine Menge in ganz Russland. Ein weiteres davon
ist die Tätigkeit der Schwestern der Mutter Theresa von Kalkutta in Moskau,
wo auch sie einen Hort für obdachlose Kinder haben, der nach allen Informationen
der Hinwendung zum Katholizismus dienst. In der russischen Hauptstadt gibt es
eine genügende Anzahl orthodoxer karitativer Einrichtungen, die bereit
sind zur Zusammenarbeit und zum Erfahrungsaustausch mit den Schwestern Mutter
Theresas auf dem Feld der Fürsorge und Hilfe für die Entwurzelten.
Jedoch, wie man sieht, wollen die katholischen Nonnen das nicht und agieren,
ohne mit der Orthodoxen Kirche in Kontakt zu treten.
Wenn ich das oben Gesagte resümiere, so muss ich klar sagen, dass wir es
in Russland mit einer umfassenden missionarischen Arbeit der Römisch-Katholischen
Kirche zur Ausweitung ihrer Präsenz zu tun haben. Die Russische Orthodoxe
Kirche ist der Meinung, dass der Vatikan gerade für diese Ziele und überhaupt
nicht für eine "normale" Betreuung seiner Herde vier katholische
Diözesen in unserem Land errichtet hat, wie auch ein neues Exarchat und
zwei neue Diözesen in der Ukraine, und zwar in Gebieten, wo die Katholiken
eine winzige Minderheit ausmachen.
Als Antwort führt die katholische Seite immer wieder das ein und das selbe
Gegenargument an, und verweist auf die Auslandsdiözesen der Russischen
Orthodoxen Kirche: Die von Berlin, Brüssel, Korsun usw. Unsere Opponenten
wollen dabei einfach nicht erkennen, dass die Russischen Orthodoxen Diözesen
im Ausland einen ethnischen und nicht einen geographischen Charakter tragen.
Sie betreuen ganz vorrangig die russischsprachige Diaspora und üben keine
Mission unter der Ortsbevölkerung aus. Zur Jurisdiktion eines einzigen
Bischofs der Russischen Orthodoxen Kirche können Gemeinden gehören,
die in verschiedenen Ländern gelegen sind, wie dies der Fall bei der Korsuner
Diözese ist, die unsere Gemeinden in Frankreich, Italien, Spanien und der
Schweiz umfasst. Der Erzbischof von Argentinien und Südamerika mit Sitz
in Buenos Aires betreut die Gläubigen auf dem Territorium von ganz Südamerika.
So hat unsere Kirche nicht ein einziges Land im Ausland in Diözesen aufgeteilt,
wir dies die Katholiken in Russland gemacht haben. Wir haben beispielsweise
nicht etwa eine orthodoxe Kirche von Italien oder Frankreich geschaffen, auch
wenn es dazu viele Möglichkeiten gegeben hätte. Man braucht hier nur
an die Bemühungen eines russischen Emigranten in Frankreich namens Evgraf
Kovalevskij zu erinnern, der sich am Anfang und in der Mitte des 20. Jahrhunderts
bemühte, einen "orthodoxen lateinischen Ritus" zu schaffen. Seine
Initiative hatte einen bestimmten Erfolg und die entsprechende Bewegung existiert
bis heute. Aber ganz bewusst unterstützen wir dieses und viele andere vergleichbare
Projekte nicht, da wir der Ansicht sind, dass der Westen das Territorium der
pastoralen Verantwortung vor allem der Katholischen Kirche ist. Aus eben diesem
Grunde gehen unsere Bischöfe und Priester nicht in italienische, französische,
belgische Schulen und Universitäten, um dort zu missionieren, wie dies
die Katholiken in Russland tun. Wir sind der Ansicht, dass der westlichen Jugend
der eigene Klerus predigen soll. Nebenbei gesagt könnte in Westeuropa unsere
Kirche sich gleichermaßen die "Schwäche" der Katholischen
Kirche zu Nutze machen, deren Kirchen leer, geschlossen und verkauft werden,
um so ihre "alternative" Predigt zu verbreiten. Aber wir werden dies
niemals tun. Und der Grund liegt nicht in unserer "pastoralen Schwäche".
Wir haben einfach keine missionarische Strategie im Hinblick auf den Westen,
und wir dürfen sie nicht haben. Unsere Anwesenheit in den westlichen Ländern
ist entstanden im Zusammenhang mit der Emigration, die durch viele tragische
Ereignisse in unserem Vaterland ausgelöst worden ist: Die Revolution, die
Kriege, das ökonomische Chaos. Russische orthodoxe Menschen sind in den
Westen gekommen und kommen weiter in den Westen, die einen auf der Suche nach
einer Zuflucht, die anderen nach einem stabileren, gesicherterem Leben. Das
ist ihr Recht. Und es ist auch ihr Recht, ihre Kirchen, Priester und Bischöfe
zu haben. Die Russische Kirche im Westen ist kein Eroberer, kein geistlicher
Conquistador. Wir haben nicht vor, im Hinblick auf "pastorale Effektivität"
mit der Katholischen Kirche in einen Wettbewerb zu treten. Möge ein jeder
sich auf seinem eigenen geistlichen Acker bemühen.
Wir würden gerne ein solches Verständnis und eine solche Beziehung
auch von Seiten des offiziellen Vatikans bei seiner Politik in Russland antreffen.
Aber leider bestätigen die jüngsten Geschehnisse nur jene stürmische,
gefahrvolle Tendenz, die sich im ganzen Verlauf der russischen Geschichte abgezeichnet
hat: Immer, wenn es Russland und die Russische Kirche schwer hatten, bemühte
sich der Vatikan, daraus maximalen Nutzen zu ziehen. Wir erinnern uns an die
sogenannte Zeit der Wirren zu Beginn des 17. Jahrhunderts, da das Hauptbesteben
der polnisch-litauischen Interventen war, Russland katholisch zu machen. Wir
erinnern uns an die schreckliche Zeit der Revolution von 1917 und der mit ihr
beginnenden Kirchenverfolgungen. Wir gedenken der katholischen Glaubensmartyrer,
aber wir können unmöglich darüber die "Ostpolitik"
des Vatikan vergessen, der um Absprachen mit den Bolschewisten bemüht war,
während jene gleichzeitig die "Schismatiker" verfolgten. Gerade
hiermit beschäftigte sich die 1925 in Rom bei der Ostkirchenkongregation
gegründete Kommission "Pro Russia" mit dem Jesuiten Michel d'Herbigny
an der Spitze. In jene Zeit fällt auch die Errichtung einer katholischen
Diözese für den Fernen Osten.
Wir haben gehofft, dass das Ende einer solchen Politik gegenüber Russland
und der Russischen Orthodoxie durch das Zweite Vatikanische Konzil festgeschrieben
worden wäre, welches die Orthodoxe Kirche eine "Schwesterkirche"
nannte. Eine solche Änderung in den Beziehungen zu uns wurde auch in den
dem Konzil folgenden 25 Jahren bestätigt, da zwischen unseren beiden Kirchen
ein aktiver theologischer Dialog geführt wurde, da wir eins waren gegenüber
den Anforderungen der Welt um uns herum.
Enttäuschende Anzeichen aber waren die Ereignisse am Ende der 80er und
Anfang der 90er Jahre des vorigen Jahrhunderts. In der Westukraine begannen
die aus dem Untergrund kommenden Griechisch-Katholischen mit Gewalt, die Orthodoxen
aus Kirchen zu vertreiben, die ihnen niemals gehört hatten. Die Russische
Orthodoxe Kirche schlug der Katholischen Seite den Weg des Dialogs vor, und
bald wurde auch eine vierseitige Kommission gebildet aus Vertretern der Russischen
und der Ukrainischen Orthodoxen Kirche, der Griechisch-Katholischen Kirche und
des Vatikan. Jedoch verließen die Griechisch-Katholischen in einem einseitigen
Akt die Kommission und setzten ihre barbarische Kampagne der grausamen Verfolgung
der Orthodoxen fort. Das sinnlose Eifern der Griechisch-Katholischen hat auch
der Vatikan nicht gestoppt, obwohl diese Konflikte zu einem der beiden Themen
wurden, welche bei allen offiziellen Gesprächen mit dem Moskauer Patriarchat
ausschließlich verhandelt wurden.
Das zweite Thema war der schon oben erwähnte katholische Proselytismus.
Damals, zu Beginn der 90er Jahre, kamen immer mehr katholische Missionare in
den sich öffnenden religiösen Raum der früheren Sowjetunion,
was unmittelbar die Illusion von den "Schwesterkirchen" zerstörte.
Aber auch damals gab die orthodoxe Seite das Vorhaben nicht auf, die entstandenen
Probleme im Geiste des Friedens zu lösen: Offizielle Treffen zwischen Delegationen
der Russischen Orthodoxen und der Römisch-Katholischen Kirche wurden ziemlich
häufig durchgeführt, fast jedes Jahr. Die beiden letzten von ihnen
fanden im November 1999 und im Juni 2000 statt, ein weiteres reguläres
war geplant für den Februar diesen Jahres. Insofern ist es, milde gesagt,
nicht völlig korrekt, unserer Kirche vorzuwerfen, sie habe nicht genügend
Anstrengungen zu einem Dialog unternommen, wie dies in seinem Artikel Kardinal
Kasper tut. Das Problem besteht darin, dass diese Treffen praktisch fruchtlos
waren: Auf ihnen wurden immer die gleichen Themen - der Konflikt in der Westukraine
und der Proselytismus - behandelt, aber die Katholische Seite hat nicht eine
der dort eingegangenen Verpflichtungen erfüllt. Nichtsdestoweniger haben
wir bis zur Entscheidung des Vatikans vom Februar über die Diözesen
die Bereitschaft zu Gesprächen aufrecht erhalten.
Unsere Kirche hat auch einen Dialog mit den Katholiken in Russland geführt.
Bis in die allerjüngste Zeit wirkte bei uns das Christliche Interkonfessionelle
Konsultationskomitee, von dem einer der Kopräsidenten zusammen mit Metropolit
Kirill Erzbischof T. Kondrusiewicz war. Wir hatten große Hoffnungen in
die Arbeit dieser Organisation gesetzt, aber jetzt ist nach allem, was geschehen
ist, ihre Zukunft fraglich geworden.
Man kann mit vollem Recht sagen: Die Entscheidung des Vatikan über die
katholischen Diözesen in Russland hat sich zu einer wahrhaft interkonfessionellen
Katastrophe ausgeweitet. Dies ist ein Konflikt nicht allein zwischen der Russischen
Orthodoxen und der Römisch-Katholischen Kirche, sondern zwischen der Weltorthodoxie
und dem Katholizismus. Dabei ist der Versuch ebenso sinnlos, die Sache so darzustellen,
als sei der Konflikt lediglich aus der "Unzugänglichkeit" der
Russischen Kirche erwachsen wie auch das Bemühen, die Orthodoxen Kirchen
in "schlechte" und "gute" einzuteilen, in solche, die für
einen Dialog mit den Katholiken offen sind und solche, die zum Isolationismus
neigen. Als ein solches positives Beispiel führt Kardinal Kasper die Antiochenische
Orthodoxe Kirche an. Aber das Antiochenische Patriarchat hat als erstes die
Handlungsweise des Vatikans in Russland verurteilt! Und der Patriarch von Alexandreia
hat sogar einen Brief an den Römischen Papst gerichtet, in dem er zu Gänze
die Position der Russischen Orthodoxen Kirche in Bezug auf die Errichtung Katholischer
Diözesen in unserem Lande unterstützt. Ihre Unterstützung für
unsere Kirche haben auch der Serbische, der Bulgarische und der Rumänische
orthodoxe Patriarch wie der Vorsteher der Polnischen Orthodoxen Kirche zum Ausdruck
gebracht.
So ist es also nicht die "schlechte" Russische Kirche, die ihren Dialog
mit den Katholiken abgebrochen hat, wie Kardinal Kasper schreibt, sondern der
Vatikan begann den Konflikt zweier großer christlicher Traditionen. Die
Situation in Folge der Errichtung der neuen katholischen Strukturen in Russland
erinnert sehr an den Anfang des 13. Jahrhunderts, als zur Zeit der Kreuzzüge
parallele lateinische Patriarchate im orthodoxen Osten geschaffen wurden. Wo
ist hier eine konsequente Haltung: Einerseits will man für die Kreuzzüge
jener Zeit Buße tun, andererseits werden die Vorgehensweisen und Methoden
jener lange zurückliegenden Epoche wiederbelebt, was unsere Beziehungen
um viele Jahrhunderte zurückwirft? Es ist natürlich, dass keine einzige
autokephale Orthodoxe Kirche dies ruhig mit ansehen kann.
Das Problem ist übrigens nicht erst jetzt entstanden: Die allgemeine Entwicklung
der Beziehungen zwischen dem Vatikan und den Orthodoxen Kirchen hat sich in
der letzten Zeit bei weitem nicht positiv entwickelt. Es genügt, nur an
den Verlauf der Plenarsitzung der Gemischten Internationalen Kommission für
den Theologischen Dialog zwischen den Orthodoxen und der Römisch-Katholischen
Kirche zu erinnern, die im Juli des Jahres 2000 in Baltimore (USA) stattfand.
Thema dieser Sitzung war der Status der Unierten Kirchen. Die Unstimmigkeit
zwischen den beiden Seiten, der Orthodoxen und der Katholischen, war so stark,
dass sie nicht zu einer beiderseits annehmbaren Lösung kommen konnten.
Schon damals war die ernste Krise in den Beziehungen zwischen den Kirchen offensichtlich.
Es ist noch offensichtlicher, um wie viel jetzt diese Krise sich vertieft hat,
da die Christen des Ostens und des Westens eigentlich Schulter an Schulter angesichts
der gefährlichen Vorgänge in der Welt zusammenstehen müssten:
Der Stärkung des Geistes des Materialismus und des Konsums, des Verlustes
moralischer Orientierungen in der Menschheit, des Anwachsens der Gefahr des
Extremismus, des Terrorismus, anderer Erscheinungen der Feindschaft zwischen
den Menschen, einer unglaublichen Grausamkeit und des Hasses. Wir müssten
eine gemeinsame christliche Antwort auch auf neue politische Gegebenheiten geben
- die Globalisierung der Weltökonomie, die Internationalisierung des Rechts
und die Mechanismen, mit der Entscheidungen zur Einigung Europas getroffen werden.
Das Fehlen einer irgendwie gearteten Erwähnung religiöser Werte in
der vor kurzem angenommenen Charta der fundamentalen Rechte der Europäischen
Union darf als unsere gemeinsame Schande gewertet werden.
Unter diesen Umständen müssen die traditionellen Christen - vor allem
die Orthodoxen und Katholiken - die Menschheit unerschüttert dazu aufrufen,
zu den wahren geistlichen und moralischen Werten zurückzukehren und von
Christus und dem Evangelium als den am meisten Hoffnung gebenden Grundlagen
einer gerechten und harmonischen allgemeinen Ordnung künden. Wir müssen
zugleich versuchen, entschieden Wiederstand zu leisten, die Religion aus dem
Feld des internationalen und gesellschaftlichen Lebens zu verdrängen, sie
auf die Bereiche der Pfarrgemeinde, des Privathauses oder eines ethnographischen
"Ghettos" zu beschränken. Hierzu muss die Kirche aber immer die
Entschlossenheit besitzen, die Welt zu verändern und sich nicht auf ihr
nicht eigene säkulare Losungen und Gedankenspiele einzulassen, ob dies
nun ein "Pluralismus", "Zeitgemäßheit" oder "der
Abschied von der konstantinischen Epoche" ist, von dem Kardinal Kasper
schreibt. Die Terminologie der Heiligen Schrift und der Heiligen Väter
ist außergewöhnlich klar, und wenn sie durch modische und populäre
Begriffe "dieses Äons" ersetzt wird, führt dies die Kirche
zum Verlust der klaren Sicht, zu einer Verweltlichung und Apathie und letztendlich
zur Aufgabe ihrer Mission. Es ist bedauerlich, wenn aus Rom hier solche belehrenden
Töne erklingen. Besonders, wenn man uns Gewissensfreiheit und religiösen
Pluralismus lehren will, und dabei völlig vergisst, dass diese Erscheinungen
immer zerstörerisch sind für die Persönlichkeit und die Gesellschaft,
wenn sie nicht durch die menschliche Wahl zugunsten der Wahrheit und des Guten
eingegrenzt werden - nicht durch eine zufällige Wahl, sondern eine von
der geistlichen Tradition her geprägte.
Ist man sich im Vatikan bewusst, dass man, wenn man in der zwischenkirchlichen
Diskussion Argumente gebraucht, die von Lehren abgeleitet sind, welche außerhalb
der kirchlichen Überlieferung entstanden und als Resultat einer philosophischen
Entwicklung aufgekommen sind, die in vielem von der Idee der Befreiung vom religiösen
Einfluss inspiriert war, auch unfreiwillig seine eigene Position schwächt?
Versteht man in Rom, dass die Zerstörung des zwischenkirchlichen Dialogs
und die antiorthodoxen Aktionen nur jenen Kräften nützlich sind, die
sich bemühen, das Christentum zu schwächen, zu neutralisieren und
zu marginalisieren? Als Beleg hierfür kann die Darstellung der Tätigkeit
der Katholischen Kirche in den westlichen Massenmedien angeführt werden.
Wir beobachten dies aufmerksam und konnten bislang keine besonderen Sympathien
gegenüber dem Vatikan feststellen, außer in einem singulären
Fall, dem Thema des Konfliktes mit der Russischen Orthodoxen Kirche. Hier ist
die Unterstützung der Journalisten vollständig auf der Seite des Vatikan.
In der übrigen Zeit aber wird die Katholische Kirche bevorzugt kritisiert
und der Sünden angeklagt.
Leider hat Rom der Versuchung nachgegeben, eine leichte Expansion zu Lasten
der zeitweilig geschwächten Russischen Orthodoxen Kirche zu suchen. Das
Resultat war der Zusammenbruch unserer Beziehungen. Dies ist ein gewaltiger
Fehler des Vatikan, der schon historisch geworden ist. Des Beginns des 21. Jahrhunderts
wird man sich für immer als der Zeit der Tragödie in den Beziehungen
zwischen den beiden Kirchen erinnern. Diese historische Bilanz ist mit Hilfe
diplomatischer Schritte, politischer Aktivität oder propagandistischer
Rhetorik schwer zu korrigieren. Die entstandene Wunde ist groß, und es
entsteht die Frage: Sind zu ihrer Heilung jene fähig, die diese Wunde zugefügt
haben? Aber wir glauben, dass der Herr sie heilen wird und dazu Menschen erwählt,
die fähig sind, die ganze Tiefe dessen zu erkennen, was hier für beide
Kirchen geschehen ist. Als er sich an seine Jünger wandte hat Christus
sie gefragt, ob sie bereit sind, jenen Kelch zu trinken, den er selbst trinkt.
Diese Worte des Erlösers sind an uns alle gerichtet, an Orthodoxe wie an
Katholiken. Wenn wir im Gehorsam gegenüber dem Herrn heute zusammen diesen
Kelch annehmen würden, so glaube ich, würde die Welt eine andere werden.
Ich weiß, dass sehr viele Katholiken diesen Glauben teilen und bereit
sind, zusammen mit den orthodoxen Brüdern und Schwestern in der Erkenntnis
in der Verantwortung vor Gott, der Geschichte und der Menschheit zu handeln.
Und wenn sie so handeln, so wird der Lohn nicht allein die Versöhnung,
sondern die Wiederherstellung der Einheit der Kirche sein, für die der
Erlöser im Garten von Gethsemane gebetet hat.
* Erzpriester Vsevolod Tschaplin ist Stellvertretender Vorsitzender der Abteilung für kirchliche Außenbeziehungen des Moskauer Patriarchats. Der folgende Artikel wurde in gekürzter Form unter dem Titel "Die Versuchung des Vatikan" in der "Rossijskaja Gazeta" vom 2. Juli 2002 veröffentlicht.
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