Schmerzliche Erinnerung
Die Eroberung und Plünderung Konstantinopels vor 800 Jahren*
von Anastasios Kallis
1054
und 1204: Etappen wachsender Entfremdung
Zwar gilt im allgemeinen das Jahr 1054 als das Datum der Trennung zwischen der
orthodoxen und der katholischen Kirche, doch diese Episode zwischen einem hitzköpfigen
Kardinal, dem Erzbischof von Sizilien, Humbert von Silva Candida, und einem
machtbewussten Patriarchen von Konstantinopel, Michael I. Kerullarios (1043-1058),
die sich zum 950. Mal jährt und zum ökumenischen Nachdenken veranlaßt,
verblaßt in Anbetracht der Konfrontation orthodoxer Völker mit Christen
des Westens, die mit dem Kreuz auf den Schultern und dem Säbel in der Hand
ihren Willen im Namen des Glaubens ihrer Kirche durchsetzten.
Daran erinnerte der Erzbischof von Athen und ganz Griechenland, Christodoulos,
als er in seiner Ansprache an Papst Johannes Paul II. am 4. Mai 2001 in Athen
die Proteste „eines großen Teils des gläubigen Volkes der Kirche
von Griechenland“ gegen den Besuch des Papstes im orthodoxen Griechenland
mit dem Hinweis auf das Vorgehen der „mächtigen Kirche von Rom“
in der Vergangenheit als selbstverständlich erklärte: „Das orthodoxe
griechische Volk verspürt mehr als andere orthodoxe Völker in seinem
religiösen Bewusstsein und seinem nationalen Gedächtnis die traumatischen
Erfahrungen, die als offene Wunden seinem Leib, wie alle wissen, durch die zerstörerische
Besessenheit der Kreuzfahrer und der Periode der Lateinerherrschaft wie auch
durch das gesetzlose Proselytieren der lateinischen Union zugefügt worden
sind. Doch ist bis heute noch keine einzige Vergebungsbitte zu hören gewesen“.
Darauf ging der Papst in seiner Erwiderung ein, als er von schmerzlichen Erinnerungen
sprach, die „bis zum heutigen Tag tiefe Wunden in den Gemütern und
Herzen der Menschen hinterlassen [haben]. Ich denke an die verhängnisvolle
Einnahme der kaiserlichen Stadt Konstantinopel, die so lange die Bastion des
Christentums im Osten war. Es ist tragisch, dass die Angreifer, die ausgezogen
waren, um freien Zugang für Christen zum Heiligen Land zu sichern, sich
gegen ihre eigenen Glaubensbrüder wandten. Die Tatsache, daß es sich
um lateinische Christen handelte, erfüllt Katholiken mit großem Bedauern“.
Der Papst gestand ein, „dass ein Bedürfnis nach einem befreienden
Prozess der Bereinigung der Erinnerung besteht“, und gab eine Reueerklärung
ab, auf die der Erzbischof m. E. voreilig mit jubelndem Beifall reagierte: „Für
die vergangenen und gegenwärtigen Anlässe, bei denen Söhne und
Töchter der Katholischen Kirche durch Taten oder Unterlassungen gegen ihre
orthodoxen Brüder und Schwestern gesündigt haben, möge der Herr
uns Vergebung gewähren“.
Doch der wunde Punkt, der das Verhältnis beider Kirchen belastet, sind
nicht die von den Orthodoxen erlittenen Feindseligkeiten durch anonyme „Söhne
und Töchter der Katholischen Kirche“, sondern die gegen die orthodoxe
Kirche gerichtete Politik von Vorgängern Johannes Pauls II., die um der
Einheit willen ihr Leid zugefügt haben. Darauf aber ist der Papst in Athen
nicht eingegangen.
Das
zerrissene Gewand Christi
Der große Mediävist Steven Runciman spricht vom „Kreuzzug gegen
die Christen“ und schildert ergreifend an Hand westlicher und östlicher
Chronisten den Auswuchs der Habgier und Zerstörungswut der Kreuzfahrer,
die selbst vor Klöstern, Kirchen und Heiligtümern nicht Halt machten,
und meint: „Die Plünderung von Konstantinopel hat in der Geschichte
nicht ihresgleichen.“. Dies belegt auch der Historiker der Kreuzfahrer
und Begründer der Herrschaft seiner Familie im Kreuzfahrerstaat Achaia,
Gottfried I. Villehardouin († 1228): „Seit die Welt erschaffen,
ist eine solch große Beute noch nie in einer Stadt gewonnen worden“.
Auf die dabei zutage getretene Brutalität weist der zeitgenössische
Geschichtsschreiber Niketas Choniates hin, der urteilt: Selbst die Sarazenen
seien barmherziger gewesen als diese Männer, die das Kreuz Christi auf
den Schultern trugen. Die Grausamkeiten der Kreuzfahrer beschreibt als Augenzeuge
auch der spätere Metropolit von Ephesos Nikolaos Mesarites in einer Grabrede
auf seinen Bruder Johannes. Sie verwandelten die Perle griechisch-orthodoxer
Kultur und ostkirchlicher Identität in einen Trümmerhaufen.
Der Verlauf des Kreuzzuges war für Papst Innozenz III. kein zufälliges
Ereignis, sondern ein göttliches Mysterium, das das Wirken der von Ewigkeit
her waltenden göttlichen Vorsehung offenbart, die die Kreuzfahrer als geheiligte
Werkzeuge (sanctificati Domino) benutzt und aus dem Bösen, selbst den entsetzlichen
Ausschreitungen der Kreuzritter in Konstantinopel, Gutes hervorgehen lässt,
denn die angestrebte Einheit der Kirche hatte sich in einer konkreten Gestalt
verwirklicht, die seinen Vorstellungen entsprach. Dem lateinischen Kaiser Balduin
versicherte er, der Herr selbst habe das griechische Reich den Händen der
stolzen, ungehorsamen und schismatischen Griechen entrissen und es den demütigen,
folgsamen, katholischen Lateinern anvertraut und auf diese Weise Kirche und
Reich der Griechen dem apostolischen Stuhl unterworfen. Die Stunde der Bekehrung
der Griechen zum römischen Glauben sei dank der göttlichen Vorsehung
gekommen; nun würden sie das Glaubensbekenntnis mit filioque beten und
die Eucharistie mit ungesäuertem Brot feiern. In einem Brief an den in
Nikaia residierenden griechischen Kaiser Theodoros I. Laskaris (1204-1222) bezeichnet
der Papst die Er-oberer Konstantinopels als Organ der göttlichen Vorsehung,
die die Griechen wegen ihres Ungehorsams Rom gegenüber bzw. ihres Unterfangens,
den ungenähten Rock Christi zu zerreißen, bestraft habe. Nun bekämen
sie die Gelegenheit, zu ihrem eigenen Nutzen gute Untertanen des Heiligen Stuhls
und des lateinischen Kaisers in Konstantinopel zu werden.
Die getroffene Regelung war eine Art Uniatentum als Übergangslösung.
Die neu ernannten Bischöfe sollten im lateinischen Ritus geweiht werden,
der den ihm unterlegenen griechischen allmählich ablösen sollte. Die
Instruktionen, die der Papst seinem Legaten erteilt hatte, zielten auf die Latinisierung
der griechischen Kirche, die „in Frömmigkeit und Glaubensreinheit
gemäß den Einrichtungen der allerheiligsten römischen Kirche“
umgeformt werden sollte. Einige Bischöfe fügten sich den neuen Machtverhältnissen,
doch die bedeutendsten von ihnen folgten ihrem Patriarchen ins Exil, der von
Nikaia aus dem Gemeindeklerus und dem gläubigen Volk, die ihrer Orthodoxie
treu blieben, beistand, obschon die eigentliche geistliche Führung das
Mönchtum übernahm. Da zudem der Gemeindeklerus sich mit dem antilateinisch
eingestellten Volk solidarisierte, bildeten die lateinische Hierarchie und politische
Administratur wie auch die mit ihnen kooperierenden Griechen, die als Vaterlandsverräter
und Lakaien der Lateiner verachtet wurden, einen Fremdkörper in der griechischen
Gesellschaft, die in ihrer Abwehr gegen die abendländischen Okkupanten
mehr denn je ihrer kulturellen und kirchlichen Tradition treu blieb. Um ihre
Identität vor dem Eingriff der Lateiner zu schützen, lehnten die Griechen
rundweg alles Lateinische ab.
Eine
noch nicht verheilte Wunde
Diese schicksalhaften Vorgänge in der Geschichte der Griechen belasten
immer noch vor allem psychologisch ihre grundsätzliche Haltung zum Primatanspruch
des Papstes, zumal in ihrer historischen Erinnerung die Vorstellung vorherrscht,
dass ihre Stadt schlechthin, Konstantinopel, trotz seiner Schwächung durch
den Schlag des IV. Kreuzzuges und die anschließende 57jährige Lateinerherrschaft,
die auf einigen Gebieten noch länger gedauert hat, den Ansturm der Türken
überstanden hätte, wenn es von seinen römisch-katholischen Mitchristen
nicht im Stich gelassen worden wäre. In ihrer Erinnerung wird dabei immer
wieder wach, dass der Papst im Interesse seiner Unionspolitik sich nicht nur
auf die Seite der fränkischen Ritter in Griechenland stellte, sondern auch
anderer abendländischer Prätendenten auf den Kaiserthron Konstantinopels.
In einer falsch verstandenen Vergangenheitsbewältigung neigt man dazu,
die Eroberung Konstantinopels durch die Kreuzfahrer als einen Fauxpas hinzustellen,
der auf das Konto des Dogen von Venedig, Enrico Dandolo, gehe. Diese Verharmlosung
einer verhängnisvollen Tragik versperrt den Blick für die Einschätzung
der politischen und kirchlichen Konsequenzen, die für die Völkergemeinschaft
Europas und die Einheit der Kirchen verheerend waren. Ost- und Westeuropa drifteten
weiter auseinander, während die Kircheneinheit, die eine abendländisch-päpstliche
Okkupation war, einen Riß bedeutete, der eine Verständigung zwischen
der katholischen und der orthodoxen Kirche überhaupt psychologisch belastet,
zumal Innozenz III. unter Hinweis auf das Schicksal der Griechen, die des Schwertes
der Lateiner bedurft hätten, um zur Einheit zu gelangen, nun die Russen
durch seinen Legaten Kardinal Gregor von S. Vitale zur Union bewegen wollte,
damit sie nicht eine ähnliche Lektion bekämen. Empört über
die Ereignisse in Konstantinopel, deren Nachricht sich bis in den Norden Russlands
verbreitet hatte, nahmen diese die Drohung des Papstes gelassen hin, zumal der
Weg nach Norden durch die Bulgaren inzwischen abgeriegelt war.
Unter den nichttheologischen Faktoren, die zur Entfremdung und Spaltung zwischen
beiden Kirchen geführt haben, werden selbstverständlich die nationalen
und kulturellen Unterschiede zwischen Griechen und Lateinern genannt. Doch diese
komplementäre Vielfalt der Katholizität der Kirche, die allmählich
als Gegensatz empfunden wurde, erhielt erst jetzt den Charakter einer hasserfüllten
Feindschaft, und zwar zwischen Griechen und Franken. Der Begriff Franke, ein
Synonym für Kreuzritter, wirkt bis heute im Nahen Osten abschreckend. Fränkisch
und päpstlich als austauschbare Begriffe werden im orthodoxen Vokabular
über das 13. Jahrhundert hinaus zu Unworten, denen das Begriffspaar griechisch
und orthodox kontradiktorisch gegenübersteht.
Perspektiven
für eine gemeinsame Zukunft
Achthundert Jahre später steht der europäische Kontinent unter einem
anderen, hoffnungsvollen Stern. Reich an kriegerischen Auseinandersetzungen,
Leid und Unrechtsherrschaft haben die Völker ihr Kriegsbeil begraben und
erblicken in einer friedlichen Koexistenz ihre Zukunft. Sie haben die Chance,
eine Gemeinschaft aufzubauen, in der jede Nation und Kulturtradition in gleichberechtigter
Partnerschaft ihren Platz haben kann.
An diesem Prozess des respektvollen und kooperationswilligen Zusammenwirkens
sind die Kirchen beteiligt, indem sie sich um die Wiederherstellung ihrer Gemeinschaft
bemühen, obschon ihr Gang unter der Last ihrer konfessionellen Auseinandersetzungen
und monolateralen Ausprägungen schwerfällig ist. Die Erfahrung in
der Vergangenheit tangiert ihre Identität, die durch das Leben geprägt
ist, denn sie bewahren den Glauben der Urkirche in der Kontinuität, die
ihre Lebenserinnerung ist.
Daher wäre es lebensfremd, um der Zukunft willen die belastete Vergangenheit
unter den Teppich zu kehren, ebenso wenig aber gerecht und hilfreich, dunkle
Flecken der Vergangenheit als Gewissenskeule zu schwingen. Vergangenheitsbewältigung,
die nötig ist, geschieht in einer Auseinandersetzung mit der Geschichte
im Licht neuer Erkenntnisse und positiver aktueller Erfahrungen aus der ungezwungenen,
freimütigen Begegnung der Betroffenen.
Dies eröffnet eine hoffnungsvolle Perspektive, die Geschichte zu einer
schöpferischen Triebkraft im Blick auf eine gemeinsame Zukunft einst entfremdeter
und verfeindeter Gemeinschaften werden lässt. Dazu bedarf es aber neben
einer gemeinsamen Aufräumungsarbeit zur Beseitigung der Trümmer, die
Feindseligkeiten hinterlassen haben, der unumwundenen Verurteilung unchristlicher
Handlungen, die im Namen christlicher Missionen geschehen sind, wie auch Versöhnungszeichen
wie z. B. die symbolhafte Rückgabe einzelner Exemplare der geraubten Schätze
an das Ökumenische Patriarchat. 2004 jährt sich der unglückselige
IV. Kreuzzug zum 800. Mal: Hier bietet sich eine Gelegenheit, etwas nachzuholen,
was schon längst im Kontext der ökumenischen Begegnungen hätte
geschehen müssen.
*Auszüge aus: Anastasios Kallis, Irrweg einer Unionspolitik. Der vierte Kreuzzug (1202-1204) (Theophano-Hefte zu Themen orthodoxer Theologie 4), Theophano Verlag Münster 2004.
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